111 Schuldzuweisungen

Das Pro und Kontra zu so genannten „Powertrails“, also Strecken beliebiger Länge mit einfachen Geocaches alle 200±x Meter und auf recht einfache Weise ganz schnell viele Funde oder in diesem Fall tatsächlich „Punkte“ zu machen, wurde ja bereits an vielen Stellen diskutiert. Der Eine mag das, der Andere eben nicht. Viele meinen, das allein die Masse an gewöhnlicherweise nichtssagenden Filmdosen dem eigentlichen Gedanken des Geocaching – nicht nur Bewegung in der Natur, sondern eben das Ganze auch an tollen und sehenswerten Orten – zuwiderlaufen, Freunde des „schnellen Punktes“ reden hingegen lieber davon das man doch alle „Spielarten des Geocaching“ tolerieren sollte. Im Grunde haben beide Recht, aber die Gegner haben oft noch ein weiteres Argument, und das dies nicht von der Hand zu weisen ist, zeigen die aktuellen Vorgänge in Xanten (Nordrhein-Westfalen) ganz deutlich.

Das Argument von dem ich Rede, ist die Problematik der Zerstörung des näheren Cacheumfeldes. Dabei wird eben angenommen, das viele schnelle Punkte auch vornehmlich die Freunde der vielen schnellen Punkten anziehen. Wer aber eher auf sein „Punktekonto“ achtet, dem wird nachgesagt oft und gern den einfachsten Weg zu gehen und dabei dann auch mal mit dem Auto direkt bis an die Dose zu fahren. Die letzten 100 Meter zu laufen bedeutet schließlich Zeit-, und damit bei einem solchen Powertrail auch Punktverlust. In Xanten wurde nun ein solcher Powertrail gelegt. Die Begründung dafür…

Am 11.11. um 11.11 Uhr beginnt das närrische Treiben.
Grund genug, für die Narren unter den Cachern, die Saison zu eröffnen.
Die Route 111 hält für euch 111 Caches für genau 111 Tage bereit.

…ist nicht wirklich nachvollziehbar – wer weiß schon was an 111 schnellen Filmdosen närrisches Treiben sein soll – aber das lassen wir einfach mal außen vor. Hier geht es schließlich um den allgemeinen Vorwurf der Gegner solcher Powertrails, das die Umgebung mit Sicherheit leidet. Und hier kann direkt vorweggenommen werden: Sie tut es! Und so kam es, das die Cacheserie nach nur wenigen Tagen komplett deaktiviert wurde. Die Gegend hatte einfach zu sehr gelitten.

Nun wurde die Cacheserie erwartungsgemäß auch im grünen Forum zerfleddert und dort weist man nun reihum jedem mal die Schuld zu. Mal dem Owner, der das hätte ahnen müssen, mal den „Powercachern“, die eben die Schäden verursacht haben, zuweilen sogar dem Reviewer, der das gar nicht erst hätte zulassen dürfen.Derjenige, der dann in Absprache mit dem Owner die Dosen eingesammelt hat, beschreibt die Situation vor Ort wie folgt:

In Höhe der Dosen sah es mittlerweile so aus, als sei einem LKW der Reifen geplatzt und der sei von der Strasse abgekommen.
Wenn man nur gewillt gewesen wäre, mal 50 oder 60 Meter zu Fuß zurückzulegen, hätte sich fast überall eine asphaltierte Parkmöglichkeit (wenn auch nicht immer eine große) ergeben.

Zack! Das Vorurteil der drohenden Umgebungszerstörung war ganz eindrucksvoll bestätigt. Das solche krasse Auswüchse bzw. Folgen nicht gerade das Potenzial für gute Presse besitzen, sollte unstrittig sein. Wenn sich das herumspricht, dann heißt es völlig zu Recht „Immer diese Geocacher, machen alles kaputt!“. Aber beleuchten wir mal die drei Beteiligten, vielleicht wird ja dann klar, wer denn nnun tatsächlich die schuld an dieser Misere trägt:

1. Der veröffentlichende Reviewer

Meiner bescheidenen Meinung nach trifft ihn hier die geringste Schuld. Auch wenn es immer wieder heißt, das man die CSR (Cache Saturation Rule resp. Abstandsregel) nicht bis aufs Letzte ausquetschen und stattdessen ggf. auch mal einen Multi legen sollte, er ist nur unabhängiger Schiedrichter, er überwacht die Regeln und wenn es passt drückt er auch „Gepublish[tm]. Klar, er hätte den Owner darauf hinweisen können, das schon im Listing ganz deutlich klargemacht wird, das man ausschließlich zu Fuß oder mit dem fahrrad an die Sache herangehen soll, aber solange das Listing den guten Sitten entspricht, ist es nicht seine Aufgabe den Inhalt des Listings zu bewerten. Ich hätte ja nicht gedacht das ich das nochmal sagen würde, aber der Reviewer hat hier alles richtig gemacht.

2. Die Powercacher

Auf der Jagd nach schnellen Punkten wird auch gern mal die StVO mißachtet. Oft sieht man Feld- und Waldwege, die von PKWs krumm gefahren wurden, interessanterweise aber nur bis dahin wo ein Cache liegt. Wenn hier also die Cachekontrolle nicht durch den entsprechenden und vor allem zufahrtsberechtigten Landwirt oder Förster vorgenommen wird, dann waren es Cacher die dort alles zerfahren haben. Manch einer gibt ja sogar in aller Öffentlichkeit zu, für die schnelle Dose gern auch mal Verkehrsregeln zu übertreten. Fakt ist, die Zerstörungen wurden durch die Cacher verursacht. Und hier sind sicher nicht alle schuld, denn manch einer ist die Sache sogar, trotz des vielen Regens in den letzten Tagen, zu Fuß angegangen. Andere wiederum haben das Fahrrad genommen, was bei Caches neben einem Fahrradweg ebenfalls durchaus korrekt ist. Aber die Powercacher…? Die haben nun zuweilen – dem Vernehmen nach – die Strecke bzw. Abschnitte davon einfach direkt auf dem Radweg zurückgelegt, mit dem PKW. Andere sind direkt bis an die Dose, dann zurück auf die Straße und weiter zur nächsten. Wenn irgendwo mehr als 10 Dosen auf kurzer Distanz herumliegen, dann schalten manche wohl wirklich ihr Gehirn ab. Das mit den Dosen nicht gerade pfleglich umgegangen wurde, ist noch ein weiterer Punkt, der aber zumindest das Thema Umgebungszerstörung nicht tangiert. Der Einsammler beschreibt das übrigens wie folgt:

Die Dosen waren teilweise schon abgerissen, lagen im Dreck, Deckel waren auf, Dosen gewandert, die Logbücher durchgehend nass, nach weniger als 48 Std.(!)
Lange wäre das so wahrscheinlich eh nicht gutgegangen, auch wenn die Dosen eh nur einen Lebenszyklus von 111 Tagen haben sollten.

3. Der Owner

Der Owner nennt es ja nun „närrisches Treiben“, ohne uns jetzt mitzuteilen was daran nun tatsächlich närrisch ist, und beschreibt die Dosen in den Listings wie folgt:

Erwartet hier bitte keine typischen Loerheidegeister-Caches. Es handelt sich lediglich um eine einfache Tradi-Tour, die euch 111 schnelle Punkte bringt. Die Route 111 lässt sich sowohl mit dem Auto (der Grünstreifen dient nicht als Parkplatz!!!), als auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß machen, da es auf der kompletten Strecke einen Fahrrad/Fußgängerweg gibt. Ihr findet hier ausschließlich Filmdosen. Die Cacher, die schöne Waldspaziergänge lieben, sollten die Route 111 nicht besuchen. Hier erwartet euch lediglich die Landstraße. Ihr braucht auf keine Bonuszahlen zu achten, denn ein Bonus ist nicht vorgesehen.

Schnelle Punkte, mit dem Auto machbar. Triggerworte, die jeden Powercacher hellhörig werden lassen. Das die Caches dieser Serie nicht darauf abzielen an irgendwelche sehenswerten Ort zu führen ist damit eindeutig klargemacht, das einen keine handwerklichen Feuerwerke erwarten ebenso. Trickreiche Verstecke sind ebenso ausgeschlossen und die fehlende Erklärung was denn daran nun närrisch ist wurde ja auch schon erwähnt. Bleibt nur eine logische Schlußfolgerung: Der einzige Sinn und Zweck der Cacheserie besteht darin, anderen Cachern ein schnelles Auffüllen des Punktekontos zu ermöglichen. Und das wiederum bedeutet, das Powercacher die eigentliche Zielgruppe sind bzw. waren.

Aber wer trägt nun die Schuld für die Zerstörungen?

Den Reviewer haben wir ja nun schon ausgeschlossen, der hat getan was er tun musste und ohne persönliche Einflußnahme ganz unabhängig nach den Spielregeln gehandelt. Bleiben Owner und Cacher und die verschiedenen Lager im grünen Forum schieben sich nun gegenseitig des schwarzen Peter zu. Fakt ist, es waren die Powercacher die durch rücksichtslose Punktejagd unter Übertretung geltenden Rechts die Umgebung vieler Dosen dieser Serie zerstört haben. Das dieses Verhalten durchaus als verwerflich zu bezeichnen ist, dürfte außer Frage stehen. Die Hauptschuld jedoch liegt in meinen Augen direkt beim Owner. Denn erst er hat die Zerstörungen möglich gemacht und neben den erwähnten Triggern im Listing auch durch die schiere Masse exakt diejenigen auf den Plan gerufen, denen man eben gern nachsagt das sie sich die Punkte wenn es sein muß „mit Gewalt“ holen. Das sie das tun, steht ja nun auch außer Frage.

Es kann nun also die Schuld weiterhin fröhlich hin und her geschoben werden, es ändert nichts daran, das die Schuld somit auf zwei Seiten liegt. Die Powercacher tragen die Schuld an den Zerstörungen selbst, der Owner trägt die Schuld daran, das es überhaupt dazu gekommen ist. Das passiert eben, wenn man sich der Verantwortung nicht bewusst ist, die man beim Legen eines Caches für die Umgebung des Versteckes auf sich nimmt. Wie meinte schon JR849 in seiner kurzen Betrachtung zu dieser Cacheserie so schön: Naturschutz fängt beim Owner an! Und wenn man jetzt das unbedingte Verlangen verspürt, über hundert Filmdosen wie auf einer Perlenschnur in die Botanik zu werfen, dann muss man eben auch wissen das die unter Umständen auch „gewaltsam gehoben“ werden und dies bei der Wahl der Location berücksichtigen. Notfalls muß es dann eben auch fernab jeglicher befahrbarer Straßen und Wege sein, dann bleiben zwar hunderte zusammenkopierter Heute-mit-Ralle-Kalle-Piff-und-Puff-schnell-gefunden-Logs weg, aber die Umgebung der Caches leidet nicht so enorm. Alternativ ginge natürlich auch „Bundesautobahn, Mittelstreifen, Leitplanke, magnetisch“, da kann man direkt mit dem Cachemobil vorfahren, die Umgebung leidet nicht und Darwin erledigt den Rest.

Sozusagen… 😉

BTW: Solche Auswüchse wie in Xanten können im Grunde ganz einfach verhindert werden. Wenn alle, also wirklich alle, damit anfangen an Stelle von Punkten nach Geocaches zu suchen, dann rücken Dinge wie ‚Locaction‘ und ‚Erlebnis‘ automatisch wieder in den Vordergrund, es wird damit alles deutlich entspannter und Powertrails werden nicht nur uninteressant, sondern vor allem auch überflüssig.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

3 thoughts to “111 Schuldzuweisungen”

  1. Sehr schöner Artikel!

    Menr muss ich nicht sagen denn er beschreibt eben alles was zu dem Thema wichtig ist und trifft den Nagel auf den Kpf 😉

    Liebe Grüße

  2. Ich finde Groundspeak sollte endlich anfangen per Onlineshop Pakete von 100er „Found“ Punkten zu verkaufen und die Einnahmen an ökologische Projekte weiterleiten. So können reine Punktegeier etwas Gutes tun und müssen sich nicht einmal der ungeliebten Bewegung aussetzen.

  3. @ Wanderratte: eine wirklich gute Idee! Und wenn 10 % des Verkaufspreises (die Geier wollen doch verdienen) noch bei GS bleiben, halte ich dass sogar für durchführbar!

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