Als Fahrradpendler in Berlin unterwegs, oder: How to survive your Heimweg!

Ich fahre nun schon seit einigen Jahren generell mit dem Fahrrad zur Arbeit und wieder heim. In Berlin ist das einfach die schnellste Lösung, denn so spare ich mir etliche Stunden Stau, schon meine Nerven und die Umwelt, tue etwas für meine Gesundheit und habe immer etwas zu berichten. Also immer dann, wenn die Nerven doch mal nicht geschont wurden.

So wie heute, denn auch wenn ich eher zu der Gruppe Radfahrer gehöre, die inzwischen hupresistent sind, bei Nahtoderlebnissen tendenziell eher gelassen bleiben und sich auch sonst nicht wirklich aus der Ruhe bringen lassen, war der heutige Heimweg nach der Nachtschicht irgendwie bezeichnend für Berlin, für das, was viele Radfahrer hier tagtäglich erleben und woraus – in Notwehr – der so genannte Radelrambo hervorgeht. Ein Hindernisparcour.

Mein Heimweg führt mich für gewöhnlich von Charlottenburg-Nord über den Kronprinzessinnenweg und die Havelchaussee nach Spandau. Das ist zwar ein Umweg, aber ich fahre ihn um so nach der Arbeit noch ein Stündchen Bewegung zu haben, um den Kopf frei zu bekommen. Und weil es Spaß macht. Dabei fahre ich vornehmlich auf der Fahrbahn, denn ich habe nur recht wenige Abschnitte, bei denen der Radweg benutzungspflichtig ist.

Heute früh jedoch war es nicht nur dunkel, sondern es regnete recht heftig, weshalb die Sicht ziemlich schlecht war. Und immer wenn das so ist, weiche ich auf den Radweg aus, denn der Berliner Autofahrer hat eine komische Eigenart. Immer dann, wenn seine Sicht durch die Kombination von Dunkelheit und Regen stark eingeschränkt ist, reduziert er nicht etwa seine Geschwindigkeit und fährt besonders vorsichtig, sondern er gibt einfach Vollgas und fährt schneller als gewöhnlich. Frei nach dem Motto „Augen zu und durch!“.

Los ging es heute auf dem Siemensdamm. Hier ist es sonst ziemlich lustig, denn ich komme vom Nikolaus-Groß-Weg und will nach wenigen hundert Metern wieder links in den Wohlrabedamm abbiegen. Deshalb bleibe ich gleich in der linken Fahrspur. Nun weiß der gemeine Berliner Autofahrer zwar, das er nach §7 Abs. 3 StVO innerorts bei mehrspurigen Straßen freie Fahrstreifenwahl hat und nutzt dies auch reiflich aus, einem Radfahrer gesteht er dieses Recht jedoch nur äußerst ungern zu. Besonders dann, wenn rechts neben der Straße ein Dingens ist, das vor Jahren mal ein Radweg war.

Besagtes Dingens habe ich also heute genommen und wurde erstmal ordentlich durchgeschüttelt. Es handelt sich dabei nämlich um den typischen Berliner Gehwegplattenradweg. Die Gehwegplatten liegen dabei nur in wenigen Fällen auf gleichem Niveau, so dass der geneigte Radler alle 40 Zentimeter einen Höhenunterschied zwischen 1 und schlimmstenfalls 5 Zentimetern zu ertragen hat. Beim Abbiegen in den Wohlrabedamm wird dann Geduld gefordert.

Radfahrer bekommen fast nur auf Anforderung grün und müssen dem geradeaus fahrenden Autoverkehr schon gern mal 2 Grünphasen lang zusehen, bis sie selbst abbiegen dürfen. Schlimmer ist es noch auf der Fahrbahn, hier darf man wirklich nur dann fahren, wenn auch Autos unterwegs sind, denn die Linksabbiegerampel ist induktionsgesteuert. Kommt ein Radler allein daher, kann er bis zum jüngsten Tag warten.

Weiter geht es auf dem Wohlrabedamm, der sich ausgesprochen gut fährt. Bis zum Rohrdamm, wo es heute wieder auf dem Radweg weiterging. Gehwegplatte, was sonst. Kurz hinter der Rohrdammbrücke war die erste Vollbremsung nötig. Hauchfein zusammengerolltes Absperrband quer über dem Radweg. Soll wohl auf irgendeine Gefahrenstelle hinweisen bzw. den Radverkehr drumherum leiten. Nur eben kaum zu sehen und bei Dunkelheit eine böse Falle.

Hundert Meter weiter wieder eine Absperrung. Wieder quer über den Radweg diesmal aber besser sichtbar. Und wieder heißt es absteigen, ein paar Meter auf dem Gehweg schieben und anschließend weiterradeln. Es polterte also weiter bis zum Krankenhaus Westend. Dort ist eine recht fiese Einfahrt, die heute aber keine Überraschungen bereithielt.

Um mal etwas abzuschweifen: Vor zwei oder drei Wochen war ich hier schon einmal wegen Dunkelheit und Regen auf dem Radweg unterwegs. Und da kam ein BMW ohne zu schauen direkt vor mir vom Krankenhausgelände gebrettert und blieb direkt auf dem Radweg stehen. Ich blieb auch stehen. Ungefähr 3 Zentimeter tief in seiner Fahrertür. Sein Pech, aber da die ganze Sache von der Polizei beobachtet wurde, hat er sich lediglich bei mir entschuldigt und dann zugesehen, das er Land gewann. Was streng genommen sogar Unfallflucht war, aber die Rennleitung hat es nicht interessiert und ich hatte die Genugtuung, das er nun seine Fahrertür ausbeulen lassen musste.

Es folgte die Königin-Elisabeth-Straße. Die fährt sich eigentlich sehr gut, auch wenn es hier immer wieder Autofahrer gibt, die wild hupend jeden Radfahrer abdrängen, den sie auf „ihrer“ Fahrbahn sehen. Heute aber eben der Radweg. Wieder Gehwegplatte. Und Knut. Denn die Fahrt hier wurde zum echten Hindernislauf, alle 25 Meter lag ein Weihnachtsbaum auf dem Radweg. Zwischendurch sind dann auch mal Geländer zwischen Geh- und Radweg, die man im Dunkeln nicht sieht und so Gefahr läuft, das man voll dagegen knallt, wenn man um den Weihnachtsbaum herumgekurvt ist.

Inzwischen taten meine Handgelenke ordentlich weh. Klar, wenn man mehrere Kilometer Waschbrettuntergrund hinter sich hat. Diese Rüttelwege sind übrigens exakt das, was Autofahrer von ihrem Fahrersitz aus als „tolle Radwege“ bezeichnen. Klar, von dort aus sehen die ja auch gut aus und man merkt nicht, wie derb uneben die sind. Aber weiter…

Kurz den Kaiserdamm queren und weiter geht es auf dem Messedamm. Jetzt schlängelt sich der Radweg irgendwie um ein paar Bäume und kaum das ich an der dortigen Tanke vorbeikam, wollte mich ein Autofahrer auf die Haube nehmen, als er ohne zu schauen das Tankstellengelände verließ. Vollbremsung sei Dank konnte ich das verhindern.

Um dann wenige Meter weiter in der Einfahrt zum ZOB beinahe von einem Flixbus umgeholzt zu werden. Also der typische Rechtsabbiegerunfall – Busfahrer biegt ohne zu schauen rechts ab, geradeaus fahrender Radfahrer hat kurz darauf dessen rechtes Vorderrad im Brustkorb stehen. Auch hier wieder eine Vollbremsung um schlimmeres zu verhindern. Der Bus war weg, ich fuhr weiter und machte sofort wiedder eine Vollbremsung.

Denn neben resp.hinter dem Bus wollte ein PKW den ZOB verlassen und hielt es nicht für nötig, mal zu schauen ob da ein Radler kommt. Aber das war noch nicht alles. Nur wenige Meter weiter, auf der Masurenallee gab es eine Premiere. Ich kam dort an, just in dem Moment schaltete die Fahrradampel auf grün und ich radelte weiter. Erste Spur. Zweite Spur. Vollbremsung. Kam da doch tatsächlich ein Geisterfahrer aus der Masurenallee heraus.

Dessen Glück war wohl, das er mich irgendwann sah und deshalb auch bremste, anderenfalls wäre er wohl direkt in den Querverkehr gedonnert. Mein Glück hingegen war, das ich ihn irgendwie wahrgenommen habe, denn für gewöhnlich kommt dort ja kein Auto, man schaut deshalb auch nicht wirklich hin. Der Verkehr von rechts kommt ja erst nach der Mittelinsel. Hier ist nämlich, für weniger ortskundige eingeschoben, die Fahrbahn zunächst nur in westliche Richtung, dann folgt eine Mittelinsel und dann die Fahrbahn Richtung Süd.

Nach dem Messedamm gab es erstmal nur noch eine Herausforderung. Die Kreuzung an der AVUS-Tribüne, wo der Hauptverkehr vom Messedamm rechts in die Jafféstraße einbiegt bzw. aus dieser kommt und in den Messedamm einbiegt.

Jafféstraße Ecke Messedamm

Hier gilt für Radfahrer, die wie ich geradeaus in den Eichkamp wollen, immer erst drei Sekunden verstreichen zu lassen, wenn die Fahrradampel auf grün schaltet und dann erst zu fahren. Anderenfalls wird man gnadenlos von den Autofahrern umgenietet, die hier noch fix bei rot fahren. Und das sind nicht wenige. Die Polizei könnte hier täglich hunderte von Autofahrern abkassieren, wenn sich nur jemand die Mühe machen würde, diealle aufzuschreiben. Und „Hunderte“ ist sehr, sehr tief gestapelt. Gerade im Berufsverkehr fahren hier im Schnitt 4 bis 8 PKW pro Ampelphase bei rot.

Der Eichkamp selbst fährt sich dann in aller Regel recht ruhig, einzig man wird hier sehr häufig überholt. Auch dann, wenn man die erlaubten 30km/h fährt. Und weil die Straße recht schmal ist, beträgt der Überholabstand selten mehr als 50 Zentimeter. Schwache Nerven sind hier also eher ungünstig. Dafür wird es dann auf dem Kronprinzessinnenweg sehr ruhig.

Hier stören eigentlich nur bei Dunkelheit entgegenkommende Radfahrer, die ihr Licht nicht korrekt eingestellt haben und deshalb blenden. Ja, auch die gibt es, und nicht einmal wenig. An manchen Tagen sind es 3 von 5, die ihr Lichtschwert fein in den Gegenverkehr richten. Muss ja auch mal erwähnt werden.*

Dann die Havelchaussee. Eigentlich bekannt für jede Menge Radler, wird sie dennoch gerade zum Berufsverkehr sehr gern von Autofahrern genutzt, um hier schnell nach Spandau zu kommen. Der Kronprinzessinnenweg übrigens auch, immer wenn auf der AVUS Stau ist, nutzen den, trotz klarem Verbot, etliche Autofahrer als Schleichweg. Und die Rennleitung interessiert es wie üblich nicht.

Nun ist die Havelchaussee aber 10 Kilometer lang und es gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30km/h. Das ist vielen Autofahrern wohl zu langsam, also wird der sprichwörtliche Hebel auf den Tisch gelegt. Ich radle nun also meist mit glatten 30km/h die Havelchaussee entlang und erlebe nur äußerst selten, also vielleicht einmal im Monat, das ein Autofahrer dann auch wirklich hinter mir bleibt. Überholen verbietet sich dann ja, schließlich geht das nur mit Geschwindigkeitsüberschreitung.

Bis auf diesen einen überholt also nun wirklich jeder, wobei ich im Laufe der Zeit folgende Beobachtung machen konnte. Schwere Limousinen, also S-Klasse und ähnliches, sind zumeist recht gelassen und überholen eher gemach. Kleinwagen, also die Ford-Fiesta-Klasse hingegen, müssen wohl das zu klein geratene Auto resp. die zu klein geratene Penisverlängerung durch hohe Geschwindigkeiten kompensieren. Die donnern dann gern mit 80 und mehr km/h am Radler vorbei.

Dabei gilt dann, je schneller überholt wird, desto dichter wird auch überholt. Selbst wenn die Gegenspur komplett frei ist, macht ein Spurwechsel zuviel Arbeit. Getoppt wird der Kleinwagen nur durch einen: Den Lieferwagen. Umso Lieferwagen umso schneller. Selten erlebt man Lieferwagen die auf der Havelchaussee langsamer als 80km/h fahren. Und das in einer Gegend, in der die Wildschweindichte so hoch wie sonst fast nirgends ist. Die Steckdosen laufen hier auch gern mal auf der Straße herum und ich frage mich dann immer ganz besorgt, wie der Lieferwagenfahrer seinem Chef erklären will, das er mit 80 Sachen einen ausgewachsenen Keiler erwischt hat. Viel bleibt dann nämlich nicht übrig. Weder von der „Steckdose“, noch vom Lieferwagen.

Und da ich sowieso schon am abschweifen bin, eine kurze Anekdote von kurz nach Weihnachten. Ich kam abends nach dem Tagesdienst die Havelchaussee entlang und schinderte den Willi hinauf. Insgeheim hoffte ich, das oben ein Sauerstoffzelt steht und war dementsprechend in Gedanken, als mir plötzlich ein Lieferwagen entgegen geflogen kam. Geflogen, wirklich. Der zog mit wenigstens 100km/h, wenn nicht sogar mehr, über den Berg und ich rechnete damit, das er unten in der scharfen Rechtskurve die der südlichen Abfahrt folgt, direkt in die Leitplanke knallt. Er schaffte es aber irgendwie, schlingernd zu bremsen und unfallfrei durch die Kurve zu kommen. Die Bremsspuren konnte man noch am folgenden Tag sehen.

Und so gab es auch heute die üblichen Überholer, die gnadenlos mit wenigen Zentimetern Abstand an mir vorbei zogen. Havelchaussee fahren ist manchmal eben auch echter Nervenkitzel. Am Ende der Havelchaussee geht es für mich dann rechts in die Angerburger Allee. Vergleichsweise steil bergauf. Mit ein paar Kurven. Und recht schmal. Was die Autofahrer natürlich keineswegs davon abhält, hier noch rasant zu überholen, denn an der Kreuzung zur Glockenturmstraße steht eine Ampel. Und die könnte man ja – welch Drama! – bei rot erwischen, nur weil man hinter einem Radfahrer hinterher fährt.

Nach der Glockenturmstraße folgt noch ein Stück Heerstraße. Hier ist benutzungspflichtiger Radweg angesagt. Und das, was mal der Radweg war, ist ein katastrophaler, handtuchbreiter Streifen Buckelasphalt, der bestenfalls als Teststrecke für Full Suspension Mountainbikes herhalten kann. Weshalb vor einiger Zeit auf gemeinsamen Geh- und Radweg umbeschildert wurde.Aber auch der Gehweg ist keine echte Freude, denn, was auch sonst, hier gibt es wieder die niveauunterschiedlichen Gehwegplatten. Und haufenweise Wurzelaufbrüche.

Haben sich die Handgelenke bis hierhin ein wenig erholt, kommt also noch mal die volle Ladung drauf. Und selbst auf der nagelneuen Freybrücke (und die 100m davor und danach) wird man reichlich geschüttelt. Denn auch wenn hier ganz frischer Asphalt liegt, eben ist der noch lange nicht. Keine Ahnung wie das durch die Bauabnahme gekommen ist. Im Straßenbau dürfen, wenn ich mich recht erinnere, die Unebenheiten auf einer 4m langen Messstrecke nicht mehr als 1,5 Zentimeter betragen. Für Geh- und Radwege gilt das wahrscheinlich nicht, denn anderenfalls hätte der Bauträger hier noch einmal alles neu machen dürfen.

Nun denn, am Ende noch ein paar Meter heimische Straße und es ist geschafft. Heute früh mit reichlich schmerzenden Handgelenken dank „feinster“ Berliner Gehwegplattenradwege, einem Hindernisparcous aus Baustellenabsperrungen und Weihnachtsbäumen, vier Nahtoderlebnissen durch unachtsame Bus-, Auto- und Geisterfahrer und unzählige Nervenkitzler durch zu knappes Überholen mit überhöhter Geschwindigkeit. Also ein typischer Tag für Radfahrer in Berlin…

* Ja ja, ich weiß. Das sollte besser nicht erwähnt werden, denn damit richtet sich die gesamte Diskussion, wo auch immer sie entstehen mag, auf genau dieses Thema. Die bösen Radler die mit ihren falsch eingestellten Lichtern den Gegenverkehr blenden und damit Autofahrer gefährden. Die vielfachen Fälle von echt brisanten Situationen drumherum werden dann immer ganz gern vergessen. Aber hey, es gehört einfach der Vollständigkeit halber dazu.

tl;dr Ein „ganz normaler“ Tag für einen Radfahrer in Berlin. Ich schildere meinen Heimweg nach der Nachtschicht, der witterungsbedingt auf Radwegen, die den Namen nicht verdienen und vornehmlich für ernsthafte orthopäische Probleme sorgen, zurückgelegt wurde. Mit dabei dann Hindernisse auf Radwegen, die irgendwie ganz normal sind, allerlei kritische Momente die ohne Weiteres auch tödlich hätten enden können, sowie jede Menge Nervenkitzel durch viel zu schnelles und viel zu knappes Überholen. Und ein Geisterfahrer. Der war diesmal auch dabei.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

15 thoughts to “Als Fahrradpendler in Berlin unterwegs, oder: How to survive your Heimweg!”

  1. Ähnliche Erlebnisse hat wohl jeder Commuter. Ich fahre ebenfalls seit ein paar Jahren täglich zur Arbeit/nach Hause. Eine Strecke ca. 18 km, im Duisburger Raum. Berlin ist da sicher noch mal eine andere Hausnummer, ich habe aber auch täglich mindestens eine kritische Situation, die meist durch unachtsame Autofahrer ausgelöst wird. Zum Glück habe ich nur relativ kurze Abschnitte durch „echten“ städtischen Verkehr zurückzulegen. An meiner Gelassenheit muss ich jedoch noch arbeiten. Die Aufregerei geht doch nur auf die Gesundheit und auch Pöbeleien (wie sie mir im Eifer des Gefechts mitunter herausrutschen) erziehen vermutlich keinen Autofahrer zu mehr Rücksicht. Aber darüber zu sprechen / zu schreiben hilft einem selbst zumindest!
    Auf ein unfallfreies 2018!
    Viele Grüße aus Duisburg

  2. Toller Text, der auch sehr gut illustriert, warum ich als passionierter Radler mich in Berlin kaum noch aufs Rad setze: Die ständigen Gefährdungen durch andere sind nicht nur frustrierend, sondern zunehmend so massiv, dass es wirklich nur eine Frage der Zeit ist, bis eine Notbremsung mal nicht mehr rechtzeitig kommt, um einen schweren Unfall zu verhindern.

    Zu der Sache mit den Handgelenken habe ich einen Tipp, den Berliner Rennradler aber immer erstmal ungern hören wollen, bis sie es irgendwann selbst ausprobiert haben: Das bessere Gerät für die miesen Straßen und Radwege in dieser Stadt ist ein Mountainbike. Was viele nicht wissen: Mit dicken Slicks, z.B. Schwalbe Kojak oder Maxxis Hookworm, und straßentauglicher Übersetzung ist man auf Asphalt kaum langsamer als ein Rennrad – und auf schlechten Straßen sogar schneller, denn die bessere Dämpfung erlaubt dort ein viel gleichmäßigeres Rollen. Vorschlag: Einfach mal ausprobieren. Die Handgelenke werden es danken. 😉

    (Eine Diskussion über die zahllosen Rennradler, die in Berliner Wohngebieten mit 30 über die Gehwege brettern, weil ihnen die Pflasterstraßen zu holprig sind, beginnen wir jetzt besser nicht.)

    1. Mein Mountainbike habe ich vor einem Jahr verkauft, weil ich ärztliches Verbot habe, mich Trails hinab zu werfen. Lediglich das Rennrad (oder eben „normale“ Fahrräder) ist erlaubt, da es hier beim Sturz einen völlig anderen Unfallmechanismus gibt, der meine bisherigen Verbrechen nur wenig tangiert. Also ist da kein Fully mehr vorhanden. Aber auf der Fahrbahn, die ich ja für gewöhnlich nehme, werden die Handgelenke ja auch so geschont. 🙂

  3. Danke! Du glaubst gar nicht wie froh ich bin, diese Zeilen zu lesen. Ich dachte schon, sowas passiert nur mir. Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, das aufzuschreiben. Wenn man die tagtäglichen „Nahtoderfahrungen“ nur erzählt, glaubt einem ja eh keiner… ich finde es auch okay, auf das Fehlverhalten anderer Radfahrer hinzuweisen, denn allzu oft kommt es auch dadurch zu brenzligen Situationen. Danke nochmal!

  4. Den Kommentaren der anderen ist (fast) nix hinzuzufügen. Ich kenne all diese Straßen, Radwege, und Geh-Rad-Wege. Bei mir sind neulich auf der Koenigsallee (östlich der „Krone“) 3 Wildschweine quer gelaufen. Man, hab ich einen Schrecken bekommen! Zum Glück nix passiert. Aber auf der „Krone“ sind mir auch schon Schwarzkittel begegnet – womit ich nicht die unbeleuchteten Radler meine 😉

    1. Auf der Krone ist es immer besonders interessant. Die Rotte rennt rüber und wird an der Autobahn vom Wildzaun aufgehalten. Also rennt sie erstmal bis ein Stück neben der Autobahn her, bis irgendeinerm der Schweinchen einfällt, das es im Wald gemütlicher ist und schon rennt die ganze Rotte wieder quer über die Krone. Wirklich geschockt sind dabei aber meist nur die Stadtkinder, die eigentlich nie im Wald sind aber hier mal die neuen Inliner ausprobieren wollen. 😉

  5. Mein tägliches Fahrrad Abenteuer spielt sich zwischen in Neukölln (Rixdorf) und Kreuzberg (Oranienplatz) ab.

    Ich kann mir dabei aussuchen, ob ich lieber die Sonnenallee nehme, die vor allem durch ihre rücksichtsvollen und gaspedal-sensiblen Mercedes AMG Fahrer bekannt ist oder die keine-Ampel-ich-habs-eilig Ausweichstrecke gestresster Paketddienste am Landwehrkanal entlang. Beides hat seinen Reiz. Die waghalsigen Überholmanöver der Lieferwagen, aber auch die Präsentation der neuesten Mercedes-Kollektion mit ihren echt hervorragend designten Auspuffgeräuschen. Sowas hat man früher wohl nur bei asiatischen Tuningfirmen bekommen. Heute gehört es zu guten Ton erfolgreicher Jungunternehmer, Drogenverkäufer oder welchen Lebensweg auch immer man einschlägt, um sich ein Auto für 70k € zu kaufen.

    Mein Dienstwagen ist übrigens ein Fahrrad, wobei ich gelegentlich auch dafür schräg angeschaut werde, warum ein Fahrrad in meinen Augen 2000€ kosten darf.

    Irgendwie glaube ich irgendwas ist in den letzten Jahren schiefgelaufen. Wir haben Autobahnen durch unsere Wohngebiete gebaut (=> in der ganzen Stadt sind vierspurige Straßen quasi normal). Was werden Menschen in 100 Jahren wohl zu den Lebensverhältnissen in unserer Zeit sagen?

    1. Aua, das ist auch eine wirklich fiese Gegend. Sozusagen zum abgewöhnen.

      Naja, und was den Preis betrifft: Man bekommt was man bezahlt. Und wenn man ein Radel haben möchte, das lange hält und vor allem nicht nur schnell fährt, sondern auch genauso schnell verzögert – immerhin sind gerade in Berlin gute Bremsen lebenswichtig – der muss dann eben auch mal entsprechend investieren.

      Aber je länger man fährt, desto mehr weiß man gutes, aber eben auch teures Material durchaus zu schätzen. 🙂

  6. Täglich Ludwigshafen/Rhein nach Mannheim. Nur Innenstadt einzige „Erholung“ ist die gestaute Rheinbrücke.

    Aber Dein Erlebnis, klingt wie ein 3d-Shooter. Du bleibst mental immer jung 😀

  7. Köstlicher Text! Ich bin 2010 mal im Rahmen einer Studienreise knappe 100 km mit einem Leihrennrad kreuz und quer durch Berlin (und ein Fitzelchen Potsdam) gefahren. Die Tour ging auch über die Havelchaussee. Für mich als totales Landei aus der Pfalz war das natürlich ein absolut besonders eindrucksvolles Erlebnis. Eine grauenhafte Vorstellung, sowas jeden Tag erleben zu müssen. Und ich hatte da sogar einen recht ruhigen Tag erwischt! 😀

    Andererseits find ich es dann fast auch schon wieder irgendwie ein wenig bedauerlich, dass das im Vergleich dazu überwiegend langweilige und unspannende Geradel in den heimatlichen <-50.000-Einwohner-Städten (in denen es quasi gar keine Radwege gibt) und auf den pfälzischen Landstraßen grade keinen ausreichenden Stoff für derartige Radfahrer-Dramen liefert! 😉

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