Ra(n)dnotizen #101

Die Niederlande sind ja bekannt dafür, das sie in Sachen Fahrrad immer eine Nasenlänge voraus sind. Was jetzt allerdings für Töne zu hören sind, klingt hingegen recht, sagen wir eigenartig. Man stimmt, so die Frankfurter Allgemeine, einen Abgesang aufs klassische Herrenfahrrad an. Also das Ding mit dem Oberrohr, welches bei Frauen ja entfällt, da hier einerseits Platz für einen Rock gelassen werden soll und andererseits ein Einstieg anstelle des beinschwingenden Aufstieges ermöglicht werden soll.

Begründet wird das mit Verletzungen. Auf einem Damenrad ist angeblich das Risiko schwerer Kopfverletzungen geringer.

Demnach hat, wer hoch zu Rad und mit Querstange daherkommt, ein größeres Risiko von Kopfverletzungen durch Stürze als Benutzer von Damenrädern. Besonders gilt dies offenbar für ältere Radler und – meist jüngere – Väter, die ihren Spross auf einem montierten Kindersitz transportieren. Erschwerend kommt dazu, dass bei klassischen Tourenrädern – anders als bei Rennrad oder Mountainbike – Schutzhelme in den Niederlanden nur selten zur Standardausrüstung zählen. Bei Stürzen mit Damenrädern treten im Allgemeinen eher Verletzungen am Becken oder den Schultern als am Kopf auf.

Ähh, ja. Muss wohl. Oder eben auch nicht, denn es gibt selbstredend Gegenstimmen und die stellen ganz treffend fest, das höhere Geschwindigkeiten – und die fahren Männer wohl unstrittig zu einem größeren Anteil – eher mal zu KOpfverletzungen führen. Mir selbst erschließt sich auch nicht wirklich, weshalb das fehlende Oberrohr nun kopfverletzungsrisikominimierend (Geiles Wort! :D) wirken soll, aber hey, die Niederländer werden schon wissen von was sie da reden. 😉

Einem anderen Unfallrisiko will sich dabei die Firma Bosch widmen. Nämlich dem gefürchteten „Abstieg über den Lenker“. Speziell für Pedelecs bzw. deren Bremsen entwickelt Bosch gerade ein Antiblockiersystem. Ob das nun wirklich nötig ist, mag man durchaus bezweifeln können, ich persönlich fände es maximal für S-Pedelecs interessant. Eben weil damit höhere Geschwindigkeiten gefahren werden, bei denen Vollbremsungen durchaus mit etwas Kontrolle versehen werden können.

Wobei natürlich auch mit Rennrädern sehr hohe Geschwindigkeiten gefahren werden und sich dort ebenfalls Scheibenbremsen immer mehr durchsetzen. Und die beißen ja nicht schlechter als ihre Brüder am Pedelec, könnten also durchaus ebenfalls eine Kraftdosierung vertragen. Allerdings sieht das dann wohl etwas blöd aus, denn so ganz unscheinbar ist das wohl, wie man beim Spiegel lesen kann, nicht.

Die Hardware für das ABS ist überschaubar und wiegt gerade einmal 800 Gramm. Unterhalb des Lenkers sitzt eine schwarze Steuerbox. Klar, der klobige Kasten könnte etwas hübscher und dezenter gestaltet sein. Doch ein Blick auf andere Zweiräder lässt für die Zukunft hoffen: 1994 wog das Steuergerät eines Motorrads 4,5 Kilo, heute sind es 0,5. Dementsprechend unauffällig kann die Technik mittlerweile ins Fahrzeug integriert werden. Auch die ersten Handys sahen im Vergleich zu Smartphones wie Dinosaurierknochen aus.

Also doch besser nur am Pedelec, das ja ohnehin etwas „umfangreicher“ aussieht und somit auch so ein Steuergerät vertragen kann. Von der Dekra gibt es übrigens noch ein paar Bewegtbilder, die das Ganze demonstrieren. Und wie groß die Geschichte ist.

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Tübingen ist ja in letzter Zeit immer mal wieder in Sachen Radverkehr im Gespräch, schon allein weil man dort mit Boris Palmer einen Oberbürgermeister hat, der dem Fahrrad sehr positiv gegenüber steht. So positiv, das er bei zu hoher Auslastung der zuständigen Verwaltung auch mal selbst Hand anlegt.

Zur Förderung des Radverkehrs hat das Bundesumweltministerium im Februar zum zweiten Mal den Wettbewerb „Klimaschutz durch Radverkehr“ ausgeschrieben. Bis 15. Mai mussten dafür die Bewerbungen eingegangen sein. Palmer verfasste die Bewerbung selbst, denn die zuständige städtische Abteilung Verkehrsplanung war nur dünn besetzt und zudem mit laufenden Projekten beschäftigt. Auf den letzten Drücker reichte der OB den Antrag ein und gab dies dem Gemeinderat zur Kenntnis.

Nun, sein Alleingang hatte dann im Juli auch noch Erfolg, das Bundesumweltministerium gab 5 Millionen Euro für drei Fahrradbrücken frei. Soweit, so fein. Nur wurde dann festgestellt, das bis September konkrete Pläne gefordert sind, um die Gelder auch wirklich zu bekommen. Eine Sache, die wieder an der Verwaltung zu scheitern drohte.

Und um das zu verhindern, hat er nun einfach mal eben per Eilentscheid einen Planungsauftrag vergeben. Zack, fertig! Nun gibt es wohl noch etwas Zoff, denn selbstredend sind nicht alle im Rathaus vertretenen Fraktionen damit einverstanden, aber so ist es ja immer. Ich persönlich finde das toll, endlich mal ein Politiker der sich seiner Verantwortung bewusst ist, der seine Visionen umsetzt und eben auch mal selbst Entscheidungen trifft. Klasse!

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Einen ziemlich coolen Vorstoß gibt es gerade in Köln. Mittels Bürgereingabe fordern nun eine Leute aus den Reihen des ADFC die eine oder andere bauliche Veränderung an Kölner Kreuzungen. Im Detail geht es darum, nach Kopenhagener Vorbild Haltestangen zu installieren, an denen sich Radfahrer bei Rot festhalten können.

Die Bürgereingabe fordert eine Offensive für Köln: „Bei allen anstehenden Straßensanierungen, -markierungen und ähnlichen Arbeiten werden im Bereich von Ampeln Haltestangen für Radfahrer angebracht.“ Unabhängig davon sollen „alle Straßen, die für Radler wichtig sind“, in den nächsten zwei Jahren mit Anlagen bestückt werden, die mindestens Platz für zwei, drei Radler bieten müssten.

So etwas könnte Berlin ebenfalls gebrauchen, denn gerade Radler mit Systempedalen stehen ja immer wieder vor dem Problem, an roten Ampeln ausklicken zu müssen. Grundsätzlich ein nicht sonderlich großes Problem, aber aus eigener Erfahrung weiß ist, das sowas auf Dauer auch ins Geld geht. Denn wer wie ich mir SPD-SL unterwegs ist, der stellt gerade beim häufigen Abstellen des Fußes hohen Verschleiß an den Kunststoffcleats fest. Da sind doch solche Haltestangen eine feine Sache. Ich unterstütze also diesen Antrag. 🙂

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Zum Schluß noch eine weitere recht spannende Sache. In den letzten Tagen schwappte es durch allerlei Kanäle – im niederländischen Utrecht entsteht derweil das größte Fahrradparkhaus der Welt. Nun ja, die Niederlande. In Utrecht ist der Radverkehrsanteil landestypisch enorm hoch, 43% aller Fahrten unter 7,5km und ca. 60% aller Fahrten ins Stadtzentrum werden mit dem Fahrrad erledigt. Satte Werte!

Dabei gibt es aber ein echtes Problem. Es stehen nicht ausreichend Fahrradparkplätze zur Verfügung. Und hier wird nun Abhilfe geschaffen. Am Utrechter Bahnhof wird eine Parkgarage für Fahrräder gebaut. 6.000 Räder passen jetzt schon hinein, bis Ende 2018 sollen es noch einmal 6.500 sein, so dass dann 12.500 Fahrräder auf 17.000m² und drei Etagen Platz finden. Und man sollte es kaum glauben, aber es gibt bereits ernste Zweifel, das diese Kapazitäten – von denen wir hierzulande noch nicht einmal zu träumen wagen – ausreichen. Aber da halte ich es ganz mit dem Schlusswort bei Utopia.de:

In vielen europäischen Städten ist Fahrradfahren nach wie vor lebensgefährlich und daran muss sich etwas ändern. Die Niederlande gehen, was den Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur angeht, schon lange mit gutem Beispiel voran. Ob die Fahrrad-Parkplätze letzten Endes ausreichen oder nicht – mit dem Fahrrad-Parkhaus unterstützt Utrecht aktiv den Fahrradverkehr in der Stadt. Damit setzt die Stadt ein wichtiges Zeichen für umweltfreundlichen Verkehr und wird zum Vorbild für viele andere Städte.

Tweet der Woche: Richtig vs. Falsch

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

One thought to “Ra(n)dnotizen #101”

  1. Hallo,

    ich muss schon sagen, ich habe Tränen gelacht. Diese Überlegung mit dem Oberrohr kausal zu Unfällen, speziell Kopfverletzungen wirkt doch sehr konstruiert. Da wird wieder mal irgendeine Sau durchs Dorf getrieben. Wo da wirklich ein kausaler Zusammenhang bestehen soll erschließt sich mir wirklich auf keinster Weise. Naja, aber ich mag die Holländer trotzdem.
    Dein Blog gefällt mir, davon ab, aber sehr gut! Weiter so!
    Dominic

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