Ra(n)dnotizen #104

Gerade hier in Berlin sind ja Diskussionen rund im die (geplante) Förderung des Radverkehrs an der Tagesordnung und insbesondere die Oppositionsparteien reden gern von „ideologisch beeinflusstem Aktionismus“, der zum totalem Kollaps führen wird. Immerhin, so meinen viele, würden mehr Radwege letztlich dafür sorgen, das die Fahrbahnen für den Kraftfahrzeugverkehr nicht wenigstens verdoppelt werden können. Und das würde dann zum Kollaps führen.

Aber mal ehrlich, der Kollaps ist schon da. Es gibt einfach zuviele Autos auf unseren Straßen und mehr Fahrbahnen würden am Ende einfach nur zu noch mehr Verkehr führen. Deshalb fand ich auch einen Artikel in der Hamburger Morgenpost ganz witzig, der genau auf dieses Problem abzielt.

Am Mittwochabend legte ein Verkehrsinfarkt die Stadt lahm, am Donnerstagmorgen dann ein 24-Kilometer-Megastau auf der A7: Hamburgs Autofahrer sehen nur noch rot. […] „Vor 20 Jahren konnte man in Hamburg noch wunderschön Auto fahren“, sagt Willms (vom ADAC, Anm. d. Red.). Seitdem aber ist das Verkehrsaufkommen derart gewachsen, dass das System am Limit ist, jede zusätzliche Belastung sorgt für den Infarkt.

Schön das man also auch beim ADAC erkannt hat, dass das System am Limit ist. Und man kennt auch mögliche Lösungen. Vergisst dabei aber leider, das der wichtigste Schritt eine Reduzierung des mobilen Individualverkehrs ist.

Und Willms stellt auch gleich klar, dass das so schnell nicht besser wird. „Beim jetzigen Planungsstand des Senats dauert das noch zehn Jahre.“ Zusammengefasst: Die Baustellen in der Stadt und auf den Autobahnen sind die Kröte, die wir schlucken müssen, damit es langfristig besser wird. Und was würde noch helfen? „Der Ausbau des ÖPNV und der Fahrradwege – anders wird es nicht gehen.“

Denn mal ehrlich: Auch wenn man in Hamburg in zehn Jahren soviel Kapazitäten hat, um den heutigen Verkehr aufzufangen, der ist bis dahin noch kräftig gewachsen und das System bleibt weiter am Limit. Derweil gab es ja gerade erst vor kurzem bei der Gründermesse Bits & Pretzels in München eine ganz interessante Diskussion über die Zukunft deutscher Städte.

Dort hat man sich nämlich Gedanken dazu gemacht, wie man Städte künftig sauberer bekommt. Der Ansatz, der in der Politik ja immer wieder aufs Tapet kommt, einfach Fahrverbote zu erlassen, wurde dabei ganz schnell verworfen. Vielmehr wäre es sinnvoll, dies über bspw. eine City-Maut zu regeln. In der Süddeutschen Zeitung findet sich dazu ein sehr lesenswerter Artikel, in dem es dann unter anderem heißt:

So kann es also auch gehen: Die Stadt bleibt offen für alle, aber über den Preis werden das Angebot, vulgo: die freien Verkehrsflächen, und die Nachfrage, vulgo: die Einfahrt in die City, in Einklang gebracht. Jeder kann sich dann überlegen, was es ihm wert ist, in die Stadt hineinzufahren; und die Stadtverantwortlichen wiederum haben die Möglichkeit, das Niveau der Maut bei Bedarf anzupassen. Solch ein Modell ist allemal sozialer als ein generelles Fahrverbot, bei dem nur die Besitzer älterer Autos (und damit tendenziell vor allem Menschen mit eher geringen Einkommen) aus der City ausgesperrt blieben.

Geht man davon aus, das Auto fahren eben tatsächlich ein Luxus ist, finde ich die Regelung über die Brieftasche in der Tat recht interessant. Denn so kann jeder selbst entscheiden, was es ihm wert ist, im Stau zu stehen. 😉

Aber selbst bei Einführung einer Citymaut ist es noch immer erforderlich, die Infrastruktur der Städte an den Radverkehr anzupassen. Denn allein durch den ÖPNV kann das Beförderungsproblem dann nicht gelöst werden. Darüber hinaus hilft der Radverkehr dabei, die CO2-Emmissionen zu reduzieren. Die Rede ist dabei von ganzen 11% in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls eine Studie des Umweltbundesamtes. In einer aktuellen Pressemitteilung des ADFC heißt es dazu:

Aktuell hat das Fahrrad in Deutschland einen Anteil von rund 11 Prozent am Gesamtverkehr. Eine Studie des Umweltbundesamtes zeigt, dass eine Erhöhung des Radverkehrsanteils auf 21 Prozent bis zu 39 Millionen Autokilometer pro Tag ersetzen würde – das sind pro Jahr über 14 Milliarden Kilometer. Die CO2-Emissionen ließen sich so um 3 Millionen Tonnen p.a. reduzieren.

Nur, so heißt es dann weiter, muss dann eben doch massiv in den Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur investiert werden.

Die auto-optimierte Anlage der meisten deutschen Städte und Regionen verhindert allerdings eine dynamische Steigerung des Radverkehrsanteils. Stork: Radfahren im Alltag ist in Deutschland fast immer die unkomfortablere Alternative. Radwege sind entweder nicht vorhanden oder holprig und schmal, wechseln vom Bordstein auf die Fahrbahn, enden unvermittelt, werden zugeparkt oder durch Baustellen, Poller und Werbeschilder zum Slalomparcours degradiert. Grund ist, dass der Platz für den Autoverkehr mit Klauen und Zähnen verteidigt wird. Aber so kommt man mit der Verkehrswende nicht voran.

Wir stellen also fest: Am Ende läuft es doch wieder darauf hinaus, das man – egal wie man auch immer den Autoverkehr in den Städten reduziert – am Ausbau und der (massiven) Förderung des Radverkehrs nicht herumkommt. Im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung, im Interesse lebenswerter Städte. Es ist also dringend geboten und keineswegs „linksgrünideologischer Aktionismus“.

Übrigens hat man das überall auf der Welt schon lange festgestellt und geht die Problematik nun aktiv an. So haben sich die Bürgermeister der größten Metropolen der Problematik zunehmender Umweltbelastungen infolge steigenden Verkehrsaufkommens angenommen.

In einer kürzlich erschienenen gemeinsamen Erklärung legen die Kommunalvertreter unter anderem fest, dass ab 2025 nur noch Elektrobusse für den ÖPNV angeschafft werden und städtische Zentren sauber und weitestgehend emissionsfrei sein sollen. Der Schwerpunkt der Fortbewegung in der Stadt der Zukunft soll vor allem auf Fuß- und Radverkehr sowie geteilter Mobilität liegen. Die lebenswertere Stadt ist gekennzeichnet durch seltenere Staus, weniger Verschmutzung, geringere Lärmbelastung und saubere Luft, so die Vision.

Schaut man in die Liste der beteiligten Städte – Paris, London, Los Angeles, Kopenhagen, Barcelona, Quito, Vancouver, Kapstadt, Seattle, Mexiko-Stadt, Auckland und Mailand – dann wundert man sich sicherlich nicht weiter, dass dort keine deutsche Stadt vertreten ist. Wo kämen wir denn auch hin, wenn ein Bürgermeister aus Autodeutschland öffentlich erklärt, das Autoverkehr ein echtes Problem ist und eben nicht durch noch mehr Verkehrsraum, sondern lediglich durch Reduzierung in den Griff zu bekommen ist. 🙁

Übrigens, auch wenn am Facebookstammtisch oftmals die Befürworter des mobilen Individualverkehrs am lautesten nach mehr Raum für PS-Boliden rufen und die Politik meint, genau diesen Rufen folgen zu müssen, eine echte Mehrheit ist da wohl eher nicht vorhanden. Eine vom ADFC in Auftrag gegebene GfK-Umfrage spricht da eine recht deutliche Sprache.

Der Anteil der Bundesbürger, die sich für mehr Parkplätze und Kfz-Fahrbahnen aussprechen, betrage nur 10 Prozent. Bei den weiblichen Befragten liege der Wert sogar nur bei 8 Prozent, so die Mitteilung der Interessensvertretung der Radfahrer zu den Umfrageergebnissen. Demnach wünsche sich ein Großteil der Menschen (87 Prozent der »Veränderer« beziehungsweise 42 Prozent der Gesamtbevölkerung) mehr Platz für aktive Mobilität und attraktive Aufenthaltsorte. Gefragt, woher der gewünschte Platz genommen werden soll, hätten die meisten (49,8 Prozent) geantwortet: »vom Autoverkehr«. Bei den Frauen sei der Ausschlag noch deutlicher (55,2 Prozent).

Auf was wird jetzt also noch gewartet?

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Tweet der Woche: Holperhorror

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Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe.

Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet.

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