Ra(n)dnotizen #105

Wer hätte das gedacht, die bösen, bösen Berliner Kampfradelrowdies sind doch nicht so schlimm, wie es für gewöhnlich dargestellt wird. Zu diesem Schluss kam jedenfalls eine aktuelle Untersuchung und auch wenn es Autofahrer vermutlich ganz anders sehen, ich kann das durchaus bestätigen. Denn ich achte immer recht genau auf das Verhalten anderer Radfahrer, zu sehr ärgert mit schließlich, das es immer einzelne sind, die mit ihrem Verhalten dafür sorgen, das „die Radfahrer“ einen schlechten Ruf haben.

Die Untersuchung, über die demletzt die Berliner Zeitung berichtete, geht davon aus, das vor allem die Fahrradstaffel der Berliner Polizei zu dieser Entwicklung führte.

Wie sind die Forscher vorgegangen? Im Juni 2014, einen Monat vor den ersten Streifenfahrten der Fahrradstaffel, beobachteten sie an drei Stellen in Mitte Radfahrer – insgesamt mehr als anderthalbtausend. Im November 2014, im Juni 2016 und im Juni 2017, als die Fahrradpolizisten regelmäßig auf Tour waren, kehrten die Forscher zurück – um dort mehr als 7 250 Radfahrer zu beobachten. Penibel notierten sie, ob sich die Radler an Regeln hielten.

Das Team stellte einen „deutlichen Rückgang des Fehlverhaltens“ fest. Bevor die Fahrradstaffel anfing, waren 21,1 Prozent der beobachteten Radfahrer auf dem Gehweg unterwegs – danach 10,9 Prozent. Vorher wurden 17,3 Prozent der Radler dabei gesehen, dass sie bei Rot fuhren – danach sieben Prozent. Vorher radelten 12,4 Prozent in die falsche Richtung – danach 5,2 Prozent.

Ich schätze aber mal, das dies nur ein Teil der Wahrheit sein dürfte, denn die Stadt ist noch ein wenig größer als nur die östliche City. Ich wage zu behaupten, das einfach auch die Zunahme des Radverkehrs selbst ihren Beitrag dazu geleistet hat, denn deutlich mehr Radfahrer bedeuten ja auch deutlich mehr vernünftige Leute mit dem Fahrrad auf den Straßen.

Und natürlich eine, wenngleich auch nur geringe, Verbesserung der Fahrradinfrastruktur hat zu dieser Entwicklung beigetragen. So stellte dann auch der Spiegel im Rahmen der Diskussion um die aktuell in Berlin vorgestellten grünen Radwege fest, dass die Kampfradler eben nur eine Folge der miserablen Infrastruktur sind.

Kampfradler sind auch das Ergebnis einer schlechten Infrastruktur. Zwar gibt es immer und überall einen gewissen Prozentsatz an Idioten, doch es fällt auch mir als Radfahrer schwer, mich an Regeln zu halten, wenn ich den Sinn der Verkehrsführung nicht erkenne. Da enden Fahrradwege im Nichts, oder es gibt an der Ampel keine Möglichkeit, links abzubiegen.

Und so ist es schließlich auch. Nur das die Politik offenbar nur zu gern in einem bereits seit 40 Jahren überholten Verkehrskonzept stecken bleiben will und sich weigert, neue Wege zu denken und vor allem mal die StVO entsprechend zu novellieren. Denn es wäre wohl an der Zeit, hier dem Radverkehr ein wenig passendere Regeln zu verpassen.

Denn mal ehrlich: Radfahrer müssen bspw. an Kreuzungen nicht genauso blockiert werden, wie Autos. Denn gäbe es nur Radler, so könnten durchaus auch 25 oder mehr Radler gleichzeitig aus allen Richtungen und auf allen Seiten eine Kreuzung queren. Das funktioniert. Nicht nur wegen des deutlich geringeren Platzbedarfes eines Radlers, sondern wegen seiner Wendigkeit, wegen seiner deutlich besseren audiovisuellen Wahrnehmung der Umgebung und nicht zuletzt auch wegen seiner Fähigkeit, sich unmissverständlich mit anderen abzusprechen.

Schaut man hingegen über die westliche Grenze der Republik, dann sieht man wie es richtig laufen kann. Die Niederlande, die ohnehin in Sachen Investitionen in den Radverkehr sehr gut aufgestellt sind, wollen den Radverkehr dennoch weiter fördern. Klar, Stillstand will niemand haben, zumindest nicht in einem Land, in dem man erkannt hat, wie moderner Verkehr auch in Zukunft noch funktioniert.

Wochenlang wurde diskutiert, dann hat sich die niederländische Regierung auf eine Summe geeinigt: 2 Milliarden Euro sollen in den nächsten vier Jahren in Mobilitätsprojekte fließen. Davon 5 Prozent, dh. 100 Millionen Euro, in Radinfrastruktur. Dem niederländischen Radfahrerverband ist das aber nicht genug.

Ja, richtig gelesen. Nicht genug! Da sieht man mal die unterschiedlichen Maßstäbe. In Deutschland begrüßt es der Warnwesten- und Rückspiegelfanclub für ältere Herren – aka ADFC – mit Jubel, wenn die Regierung nur die Hälfte dessen lockermacht, in den Niederlanden hingegen gibt man sich mit derlei Kleinigkeiten nicht zufrieden. Klar, reden wir hier schließlich von gerade mal 5% der geplanten Investitionen. Und das für eine Verkehrssparte, die einen deutlich höheren Anteil am Gesamtverkehr hat, als nur die 5%. Hach, wenn man doch hierzugegend auch in diesem Größenordnungen denken würde.

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Eine witzige Sache hat sich derweil in Hannover zugetragen. Dort hat man endlich mal geklotzt und richtig was getan. Die Stadtverwaltung ließ vor einer Grundschule gleich 50 Fahrradbügel aufstellen. Soweit so gut, aber dann ging es los. Auf dem betreffenden Weg befindet sich ein so genannter Angebotsstreifen, also ein nicht benutzungspflichtiger Radweg. Und der wird nun durch die Bügel unterbrochen.

Es ist zu vermuten, dass Kleefeld damit nun stadtweit den größten öffentlichen Parkplatz für Zweiräder vorhält. Wahrscheinlich stehen hier mehr Fahrradbügel als vorm Hauptbahnhof. Die Frage ist nur: War das notwendig? An dieser Stelle, wo weder Bahnen halten, noch Geschäfte locken, aber bislang ein Fahrradstreifen angedeutet war, der nun unbenutzbar ist.

Entsetzt war, wie hier zu sehen, die Presse, aber auch einige Radfahrer. Und das, obwohl es eigentlich Grund zur Freude gibt, hat doch die Verwaltung endlich ml begriffen, das dies gar kein Radweg ist:

Bei der Verwaltung heißt es, von Radweg könne keine Rede sein, da eine „Radwegbeschilderung“ fehle.

Sehr interessant ist hier wie üblich die Kommentarspalte. Das Ganze hat nun doch ein paar weitere Kreise gezogen, so dass sich die Verwaltung zu einer Rechtfertigung genötigt sah. Und noch einmal klarstellte: Ohne Schild, kein Radweg. Angeblich, so heißt es in einem Kommentar zum ursprünglichen Artikel, wäre da mal ein Verkehrszeichen „ausgewiesener Radweg“ gewesen – was auch immer damit gemeint ist – das dann im Rahmen der Bügelaufstellung abmontiert wurde.

Richtig ist hingegen, das auch Angebotsstreifen frei von Hindernissen sein müssen, aber mal ehrlich: Wenn da jetzt Bügel stehen, ist es an der Stelle eben kein Angebotsstreifen mehr und damit gibt es auch keine Probleme. Immerhin ist man von Rad- und ähnlichen Wegen ja gewohnt, das sie plötzlich und ohne erkennbaren Grund enden. 😉

Zumindest hat man sich dennoch Gedanken gemacht, wie sich das Problem lösen lässt, wie diejenigen die nicht einfach auf der Fahrbahn radeln wollen, zufriedengestellt werden können. An was genau man nun denkt, muss eigentlich kaum mehr erwähnt werden. Richtig, weiße Farbe…

Auch Bezirksbürgermeister Henning Hofmann hält die Anschaffung für eine gute Sache; allerdings vermisst er „Augenmaß“ und eine Klarstellung für die Radler. Gemeinsam mit dem Tiefbauamt will er nun nach einer preiswerten Lösung suchen. Im Gespräch ist der Einsatz weißer Farbe, mit der eine Radspur auf der Straße oder auf dem Gehweg markiert wird.

Ganz anders, und damit kommen wir wieder zurück nach Berlin, will es die Hauptstadt machen. Also will, denn passiert ist ja noch nichts. Nicht einmal das geplante – und eigentlich schon fertig in der Schublade liegende – Mobilitätsgesetz hat man beschossen. Aber ein ganz neuer Typ Radweg wurde jetzt vorgestellt. Grün und geschützt. Und sieht auf Bildern erstmal richtig gut aus. Auch der Starttermin lässt hoffen:

Grün soll’s zunächst an der Hasenheide werden. Auf der südlichen Seite zwischen Südstern und Wissmannstraße. Poller sollen Autofahrer davon abhalten, auf der Radspur zu parken. Mindestens zwei Meter soll die Radspur breit sein, eine ein Meter breite Sperrfläche soll Rad- und Autoverkehr trennen, und wo es möglich ist, sollen auch die Poller stehen. Beginnen sollen die Arbeiten mit dem Start der Bausaison 2018.

Natürlich muss an dieser Stelle kaum mehr erwähnt werden, das allein die Vorstellung der neuen Radwege wieder zu ausufernden Diskussionen führte. Insbesondere die Fraktion der Staufreunde polterte massiv gegen das Vorhaben selbst, aber auch gegen den Senat, der ja von Verkehrspolitik keine Ahnung hätte, ohne Ende Steuergelder verschwenden würde und auch sonst eigentlich eingesperrt gehört.

Aber gut, das muss man ausblenden, Idioten gibt es überall. Anstatt sich zu freuen, das durch mehr und sicherere Radwege möglicherweise mehr Menschen aufs Rad umsteigen und dann mehr Platz für den eigenen SUV ist, muss manch einer eben meckern und den eigenen Blutdruck in gefährliche Höhen treiben. So what!? Also ignorieren und mal ganz kräftig Daumen drücken, das der geplante Starttermin tatsächlich gehalten wird.

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Und zum Abschluss noch eine Parole: Schwerter zu Pflugscharen, ähh, Klopapier zu Radwegen! 😉

Es ist mal wieder Holland, klar, wenn es darum geht, Innovationen zunächst irgendwie in den Radverkehr zu bringen. Und so haben sich nun die Unternehmen CirTec und KNN Cellulose mit der Problematik befasst, das in Holland jedes Jahr knappe 180.000 Tonnen Klopapier in der Kanalisation versenkt werden.

Um dann bei der Verbrennung nicht nur jede Menge CO2 freizusetzen, sondern auch wertvolle Rohstoffe zu verschwenden. un genau diese, also wertvolle Cellulose-Fasern, können mittels einem so genannten Salsnes-Filter aus dem Klärschlamm geholt und dann weiterverarbeitet werden. Zum Beispiel für den Belag von Radwegen:

CirTec und KNN Cellulose haben in dem ersten Pilotprojekt dieser Art die Salsnes-Filter-Technologie verwendet, um gebrauchtes Toilettenpapier in Materialien für den Bau von Fahrradwegen umzuwandeln. Der entstandene Radweg ist einen Kilometer lang und erstreckt sich zwischen Leeuwarden und Stiens im Norden des Landes.
Tatsächlich hat die Beigabe von Cellulose zu herkömmlichen Asphalt gleich zwei wünschenswerte Nebeneffekte: Durch die offenporige Struktur reduziert der Cellulose-Asphalt die Lärmentstehung und sorgt außerdem durch seine Durchlässigkeit bei schlechter Witterung für bessere Straßenhaftung.

Wenn dann der Radweg mal nicht ganz in Ordnung ist, kann man mit Fug und Recht fluchen: So eine Kacke aber auch! 😆

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Tweet der Woche: Breitenindikator

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe.

Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet.

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