Ra(n)dnotizen #109

Erstkürzlich hatte ich mit einem Freund das Thema „chinesische Leihfahrräder“. Wir beide hatten dabei das obligatorische Halbwissen am Start: Stehen überall herum, bilden irgendwann riesige Schrotthaufen, die Bewegungsdaten der Benutzer werden gewinnbringend nach China verhökert. Umso erstaunter war ich dann, als ich just zwei Tage später über einen Artikel zu diesem Thema stolperte, der so richtig entspannt an die Sache herangeht. Dabei werden dann sowohl die Vorurteile, als auch die Möglichkeiten beleuchtet, die solche große Leihfahrradsystem mit sich bringen.

Ich glaube, dass die Räder für viele Städte eine gute Chance sein können. Zum einen könnte es sein, dass Städte, die selber kein Geld in eigene Leihsysteme ausgeben auf einmal eins bekommen. Das betrifft auch Städte, die seit Jahren planen, ein System einzuführen aber noch keine Ergebnisse vorweisen können. Aber auch die Städte, die bereits Systeme betreiben, sollten am Ende vom Innovationsdruck, der jetzt auf die deutschen Anbieter zukommt, profitieren. Der stationslose Betrieb der neuen Anbieter könnte Bikesharing auch für neue Zielgruppen interessant machen – etwa für Menschen, die nicht in der Nähe von bestehenden Ausleihstationen wohnen. Die asiatischen Anbieter betreiben alle ihre Systeme Stationslos, das heißt die Räder können an jeder Straßenecke abgestellt werden und eben dort auch wieder ausgeliehen werden. Gleichzeitig wird sich bei einer großen Anzahl an Rädern auch die Wahrnehmung von Verkehr ändern, Bewusstsein für andere Fortbewegungsmittel fördern.

Aber nicht nur wesentlich flexiblere Lösung stationslosen Bikesharings ist interessant, auch die Betrachtungen zum Thema OpenData, die im Artikel gemacht werden, sind interessant. Denn klar ist, das die deutschen Städte an neuen Verkehrskonzepten arbeiten müssen. Und was hilft da besser, als möglichst exakte (und umfassende) Bewegungsdaten. Wie dem auch sei, den Artikel sollte man – auch wenn er jede Menge Buchstaben hat – wirklich mal lesen.

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Hier in Berlin ist die CDU gerade dabei, ein wenig gegen den Radverkehr zu schießen. Gemeinsam mit der FDP holt sie immer wieder die alte Litanei vom ideologisch geführten Krieg hervor, den der rot-rot-grüne Senat gegen den Autofahrer führen würde. Erst kürzlich gab es da bei Facebook eine ganz interessante Diskussion, in der sich die CDU – oder vielmehr deren Social Media Team – zunächst beteiligte, dann aber plötzlich ganz schnell ausstieg. Und zwar exakt in dem Moment, in dem das Thema „Flächengerechtigkeit“ aufs Tapet kam.

Und genau dazu passte dann quasi wie die Faust aufs Auge, was man heute im Tagesspiegel lesen durfte. Die CDU echauffiert sich enorm wegen einer Fahrradspur, die stadtauswärts(!) auf der Frankfurter Allee eingerichtet werden soll. Betrachten wir mal die Lage: Drei Fahrspuren, von denen die rechte tagsüber fast durchgehend durch Zweite-Reihe-Parker und Lieferverkehr blockiert wird, ein enger Radweg, ein enger Gehweg, dazu alles kreuzend der Ausgang eines U-Bahnhofes. Neu angedacht ist: Zwei Fahrspuren, breiter sogar als bisher, eine Fahrradspur, ein breiterer Gehweg und Parkhäfen für den Lieferverkehr:

Nach Ansicht von Verwaltungssprecherin Dorothee Winden profitieren alle von der Idee: Fußgänger, weil sie sich nicht mehr den schmalen Gehweg mit Radfahrern teilen müssten; Radler, weil sie einen teilweise durch Poller geschützten Extraweg bekämen, Fahrgäste aus der U-Bahn, weil sie am Bahnhof Samariterstraße nicht mehr den Radweg kreuzen müssten, Autofahrer, deren zwei Spuren breiter würden; nämlich 3 Meter statt wie jetzt 2,66 Meter, und Lieferanten, weil es Extralieferzonen geben solle.

Zusammengefasst bedeutet das: Radfahrer haben mehr Platz und Sicherheit. Fußgänger haben mehr Platz und Sicherheit. Lieferanten können jetzt legal zum Be- und Entladen halten. Autofahrer haben genauso viel Spuren auf denen sich etwas bewegt wie vorher, nur sind die jetzt breiter. Und dazu kommt noch ein ganz interessanter Punkt, nämlich die schon erwähnte Flächengerechtigkeit. Nimmt man die Zahlen von 2008, dann hatte der MIV im Modal Split einen Anteil von 32%, der Radverkehr einen Anteilvon 13%. Also in etwa 2:1. Und wenn ich das jetzt mal auf drei Fahrspuren projiziere, dann komme ich irgendwie auf, ja, tatsächlich, genau 2:1. 🙂

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Wobei natürlich die Presse nicht ganz unschuldig daran ist, das viele Menschen weiterhin ihren Hass auf alles pflegen, was des deutschen liebstes Kind ein wenig in Bedrängnis bringt. So war es bspw. der Spiegel, der erst kürzlich in seiner Autorubrik titelte: „Aggressive Radfahrer: Gewalt auf zwei Rädern„. Schon diese Headline, und mehr lesen vermutlich nur die allerwenigsten, hat jede Menge Potanzial Vorurteile zu pflegen. Wer es noch bis zum ersten Absatz schafft, der sieht sich dann auch prompt bestätigt:

Fahrradfahrer waren immer schwächer als Autofahrer. Daraus leiten sie offenbar das Recht ab, Verkehrsregeln zu brechen – wie in dieser sonderbaren Begegnung.

Es ist dunkel, es regnet, und die Konturen der anderen verwischen hinter den Schlieren auf der Scheibe. Als ich noch täglich mit dem Fahrrad zur Lehrstelle oder zur Uni fuhr, war ich bei so einem Wetter alarmiert. Autofahrer konnten einen schlicht nicht sehen. Innenstadt-Vorfahrthaber, die sich permanent im Recht wähnten, entwickelten sich zu gefährlichen Feinden in massiven Burgen. Also fuhr ich umsichtig, passiv und ließ den Blechkisten häufiger mal den Vortritt, man hängt ja an seinem Leben.

Interessant ist dabei ja, das der Autor etwas tut, was viele in den immer wiederkehrenden Diskussionen tun: Er verweist darauf, das er selbst ja auch Fahrrad fährt (bzw. fuhr). Was ihm natürlich hinreichend Kompetenz gibt, die Gesamtverkehrssituation in Deutschland sauber zu beurteilen und empirisch gesicherte Aussagen zu treffen. Anschließend folgt das Übliche. Radfahrer fahren ohne Licht, Radfahrer fahren ohne Helm, Radfahrer fahren ohne Warnweste und am schlimmsten, alle, ja wirklich alle Radfahrer ignorieren rote Ampeln.

Gerade letzteres hat ja erst kürzlich die Hamburger Polizei überprüft, also – löblich, löblich – mal nicht nur gezielt auf Radler oder Autofahrer abzielte, sondern eine ganz allgemeine Rotlichtüberwachung, unabhängig vom verwendeten Fahrzeug, vornahm. Und dabei alle Vorurteile zu bestätigen wusste. Nur leider nicht die der Autofahrer, denn von denen fuhren zehnmal mehr bei rotem Licht. Wobei man das tatsächlich immer öfter beobachtet. Ich meine, vor einigen Jahren war es bei weitem noch nicht so schlimm, da fühlten sich Autofahrer schon als schlimme Lümmel, wenn sie mal bei gelb fuhren, heutzutage meinen die meisten, die erste Sekunde rot wäre sogar erlaubt. Aber okay, Unkenntnis geltender Regeln ist ja dann auch nochmal ein Kapitel für sich.

Aber zurück zum Spiegel, dieser Artikel steht nur stellvertretend für etlich andere die in genau der gleichen Tonlage geschrieben sind. Vermutlich macht so etwas tatsächlich Auflage, anders ist es zumindest nicht zu erklären. Und wenn die Damen und Herren Lokalpolitiker dann zwar von der Lebens- und Alltagswirklichkeit der Bürger reden, diese aber nur aus solchen Zeitungsartikeln kennen, dann muss man sich über solche Dinge, wie sie die Berliner CDU heute brachte, auch nicht wundern… 😮

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Tweet der Woche: Traumhaftes Stettin

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Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein unregelmäßig erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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