Ra(n)dnotizen #40

Willkommen in Schilda

Manch einer denkt sicherlich an die Taten der Schildbürger, wenn er als Fahrradfahrer mit der Berliner Verkehrswirklichkeit konfrontiert wird. Insbesondere an Baustellen ist es immer wieder erstaunlich, wie kreativ der eine oder andere Baustellenplaner dabei vorgeht. Da endet ein Radweg schnell mal im Nichts oder an einer – schon immer vorhandenen – Absperrung.

Ich selbst habe derzeit eine Baustelle auf meiner Trainingsstrecke, an der hört der Radweg dann kurzerhand mit Verkehrszeichen 254 auf. Der Tagesspiegel hat sich dieser Sache mal angenommen und berichtet nebst einigen aktuellen Beispielen von dieser Problematik.

Die richtige Investition

Gerade aus Kopenhagen hört und liest man ja ständig gute Nachrichten rund um das Thema Fahrradverkehr, aber auch der Rest Skandinaviens lässt sich da nur ungern lumpen. Und so liest man jetzt, das im norwegischen „Nasjional transportplan“ für die Jahre 2018 bis 2029 dem Radverkehr ein deutlich höherer Stellenwert als bisher eingeräumt wurde. Gleich 850 Millionen Euro will man dafür locker machen und damit unter anderem 10 Bikehighways in Ballungszentren schaffen.

Rad im Regio

Zur Abwechslung gibt es auch mal gute Nachrichten aus Berlin. Am 03. Mai, also pünktlich zum Vatertag mit seinen unzähligen „Fahrradreisenden“ stellte der Berliner Senat in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn, dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg und der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft das Projekt „Rad im Regio“ vor.

Damit in den Regionalzügen mehr Platz für Fahrräder ist, werden Klappsitze ausgebaut. Die frei werdenden Flächen sollen dann umfdassend gekennzeichnet werden, damit Radler ihr Gefährt fortan stressfrei im Regio mitnehmen können. Bisher kam es dabei, durch beharrliche Belegung besagter Klappsitze zu eher chaotischen Zuständen. Na mal schauen ob der Plan aufgeht.

Infrastruktur-Museum für Radverkehr

So ganz und gar nicht gut ist Berlin auf der Webseite Copenhagenize.com weggekommen. Deren Betreiber, Mikael Colville-Andersen, befand sich im Rahmen des VivaVelo-Kongress in Berlin und nutzte diese Gelegenheit, sich unter anderem auch mit den Initiatoren des Volksentscheid Fahrrad zu treffen. Wenngleich der Artikel auch nicht von ihm verfasst wurde, war der besuch in Berlin jedoch Anlass dafür, in eben diesem Artikel ein kritisches Licht auf die deutsche Hauptstadt zu werfen.

Der Artikel wurde in deutscher Übersetzung bei Volksentscheid-fahrrad.de veröffentlicht. Unter anderem heißt es darin:

In Berlin ist Fahrradfahren also alles andere als intuitiv. Es ist verwirrend und unübersichtlich. Die Infrastruktur weist keine einheitliche Gestaltung auf, und es existiert kein zusammenhängendes, flächendeckendes Netzwerk. Berlin ist ein Infrastruktur-Museum für Radverkehr.

Dem kann man leider nur zustimmen. Das Berlin jedoch auch jede Menge Potenzial hat, wird ebenfalls erwähnt und dabei dann gleich festgestellt, was wirklich nötig ist, um dieses Potenzial auch wirklich auszunutzen:

Berlin wird, mehr als andere Städte, von seiner Bevölkerung geprägt. Und das wird ihr immer stärker bewusst. Der Modal Split liegt in der Innenstadt bei 18 Prozent für Fahrräder und 17 Prozent für Autos. Radfahren in der Stadt ist bereits alltäglich und liegt im Mainstream. Gerade deshalb birgt es noch ein großes Wachstumspotenzial. Jedes Jahr steigt der Radanteil um 5 Prozent, obwohl nur 3 Prozent des Verkehrsraums für Fahrräder vorgesehen sind. Alles was Berlin jetzt noch braucht, sind Politiker, die im 21. Jahrhundert angekommen sind.

Ritzelzähler

Eine ganz witzige Sendung gibt es von Radio Bayern 2, dort dann speziell von der Sendung „Zündfunk„. Dort hat man mal ganz frech Argumente gegen das Radfahren gesammelt. Nicht ganz ernstzunehmen wird dann bspw. eine Haarentfernung für Radler empfohlen, da sich Körperbehaarung bei einem Sturz durch die dabei entstehende Reibungswärme durchaus entzünden könnte. Wer also mal 53 Minuten Zeit übrig hat und ein wenig schmunzeln möchte, der kann sich die Sendung „Ritzelzähler und Warnwestenträger“ ruhig mal anhören. 🙂

Und selbstredend gibt es auch immer wieder Leute, die keinen Spaß verstehen. Denn auch (oder gerade weil) wenn hier beim „Zündfunk“ schon recht überspitzt argumentiert wird, sollte man es – das zeigt ja schon besagte Passage mit der Körperbehaarung – nicht allzu ernst nehmen. Und doch hat es jemand getan und gleich erstmal ganz erzürnt einen offenen Brief verfasst. Kannste Dir nich ausdenken…!

BTW: Noch bevor das hier veröffentlicht wurde, hat auch der Macher der Sendung reagiert, also beim „offenen Brief“ gern auch mal die Kommentare lesen.

Lebensrisiko Fahrrad

Der Tagesspiegel bringt es mal wieder auf den Punkt: Das Fahrrad wird in Berlin zum Lebensrisiko. Berichtet wird dabei über die demletzt durchgeführte Aktion der Berliner Polizei, bei der vor allem Autofahrer dingfest gemacht werden sollten, die zu dicht überholen oder beim abbiegen nicht aufpassen.

Erwartungsgemäß gingen die für diese Aktion eingeteilten Beamten allerdings den leichteren Weg und fischten vornehmlich Radfahrer heraus, die gegen die eine oder andere Verkehrsregel verstießen. Aber okay, ohne gerichtsfeste Meßverfahren zur Prüfung des Überholabstandes ist es wohl ohnehin nur Augenwischerei, zu dicht überholenden PKW ans Leder zu wollen. Und so wird es wohl auch weiterhin regelmäßig neue Geisterräder in der Stadt geben. 🙁

Fast schon wie Krieg

Richtig schlimm wurde es dann dieser Tage ebenfalls in Berlin. Dort eskalierte das zu dichte Überholen enorm und endete beinahe filmreif in einer Verfolgungsjagd. Opfer das der Piratenpolitiker Steffen Burger, der – sehr zurückhaltend wie ich finde – mit einem „Ey!“ seinem Unmut über ein zu knappes Überholmanöver Luft gemacht hatte. Der Autofahrer sah sich jedoch im Recht und bedrängte sein Opfer fortan mehrfach, bis er dann irgendwann ausstieg und zuschlug. Die Episode endete mit recht fiesen Gesichtsverletzungen im Krankenhaus. 😯

Lastwagenersatz

Man mag es kaum glauben, aber es kommen tatsächlich auch mal wirklich fahrradfreundliche Töne aus dem Bundesverkehrsministerium. Was viele durchaus schon wissen oder sich zumindest bei nüchterner Betrachtung denken können, wurde nun auf Basis einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ganz offiziell verkündet: Gerade in Ballungsgebieten und Städten kann jede Menge LKW-Verkehr eingespart werden, wenn man diese Fahrten mit dem Lastenfahrrad erledigt.

Mindestens 8 Prozent sind es bereits und langfristig sind 23 Prozent in Sicht. Heise.de schreibt dazu:

Bei den Fahrten, die auch mit Lastfahrrädern erledigt werden können, geht das DLR von einem maximalen Gewicht des Transportguts von 50 kg aus. In einem „konservativen“ Szenario legt es eine maximale Länge einer Einzelfahrt von 5 km bei einer Tagesleistung von 10 km zu Grunde. Damit wären 311 Millionen Fahrten verlagerbar. Im zweiten Szenario mit 7 km maximaler Einzelfahrt und 20 km Tagesleistung wären es 514 Millionen Fahrten und im Szenario 3 mit 10 km maximaler Einzelfahrt bei 30 km/Tag 875 Millionen Fahrten.

Die Studie selbst ist mit über 100 Seiten ganz sicher keine schnelle Lesekost, aber durchaus interessant. Wer also ein wenig Zeit übrig hat, sollte sich das Ding ruhig mal antun.

Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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