Ra(n)dnotizen #44

Themen: (1) Radgesetz now! (2) „Gebäckträger“ fürs Roadbike (3) Forschungsvorhaben „Radverkehr in Fußgängerzonen“ (4) Dänische Prioritäten (5) Nachholbedarf im Alltags-Radverkehr (6) Radler, alles Steuerverweigerer! (7) Elektromobile Senioren (8) Mehr Platz für Fahrräder (9) Landesbetrieb Fahrradinfrastruktur (10) Aktion gegen Falschparker auf Radwegen (11) Verhandeln, öhem, Erklären!

Radgesetz now!

Nich nur die Berliner Fahrradfahrer wollen das Berliner Radgesetz, auch etliche Wissenschaftler fordern und empfehlen es. Über 60 von denen haben eine Erklärung unterschrieben, in der der Regierende Bürgermeister Michael Müller dazu aufgefordert wird, die aktuelle Mehrheit im Senat dafür zu nutzen, das Radgesetz noch im Jahr 2016 zu verabschieden.

Im Vorfeld zum German Habitat Forum, das am 01.06.2016 durch Michael Müller eröffnet wird, geht es um nachhaltige Stadtentwicklung. Und das passt letztlich so ganz und gar nicht zum verhalten des Senats, der den Volksentscheid ständig torpediert, zu teuer rechnet und obendrein lieber den Autobahnbau vorantreibt, anstatt den Radverkehr und damit eben eine nachhaltige Stadtentwicklung zu fördern.

Prof. Dr. Stephan Rammler vom Institute for Transportation Design an der Hochschule Braunschweig und Initiator dieser Erklärung sagte dazu:

„Die Berliner haben es ihrem Bürgermeister leicht gemacht und ein entscheidungsreifes Gesetz vorlegt. Wissenschaftlich gesehen gibt es keine Gründe, die Umsetzung aufzuschieben. Sonst wird man als Gastgeber des German Habitat Forum für nachhaltige Stadtentwicklung unglaubwürdig.“

Einzig der Berliner Senat wird wohl trotzdem weiterhin seiner Linie folgen, dem Automobilverkehr den höchsten Stellenwert in der Stadt einzuräumen. 🙁

„Gebäckträger“ fürs Roadbike

Mit dem Rennrad Gepäck zu befördern ist ja eher selten. andererseits sieht man immer mehr Leute eben mit dem Rennrad durch die Großstadt fahren und dabei das Gepäck dann mittels Rucksack oder Kuriertasche zu befördern. Bei Kickstarter ist da jetzt ein projekt aufgetaucht, das für diese Leute wirklich interessant sein dürfte. Ein „Gebäckträger“ fürs Rennrad.

Das Ding ist wirklich schick gemacht, Carbon sei Dank enorm leicht und trotzdem ordentlich stabil. Ich selbst brauche zwar am Rennrad keinen solchen träger, aber am Mountainbike, welches ich als Stadtrad benutze, wäre es zuweilen gar nicht mal verkehrt.

Da muss ich mir die Sache mal etwas genauer anschauen, denn dieses Ding könnte auch dafür eine Option sein. Das Topeak Beam Rack, das ich aktuell nutze, ist ja für richtige Taschen weniger geeignet, da ist nur der Aufsetzkoffer praktikabel.

Forschungsvorhaben „Radverkehr in Fußgängerzonen“

Passend zur Meldung von letzter Woche gibt es gleich noch ein wissenschaftliches Projekt aus Erfurt. Unter dem Motto „Mit dem Rad zum Einkauf“ wird in Gera als Modellstadt überprüft, wie man künftig das Fahrrad fahren in Fußgängerzonen regeln könnte.

Aktuell ist in der Sorge Gera das Radfahren zwischen 10 und 18 Uhr verboten, während es in anderen Fußgängerzonen erlaubt ist. Hier soll nun zeitweilig eine Freigabe erfolgen und anschließend durch Befragung von Passanten deren Mobilitätsverhalten ermittelt und Aussagen eingeholt werden, die auf die Akzeptanz gemeinsamen Rad- und Fußgängerverkehrs schließen lassen. Die Ergenisse sollen dann über die künftige verkehrsrechtliche Regelung des Radverkehrs in Geras Fußgängerzonen entscheiden.

Dänische Prioritäten

Der Newsletter „Elbvertiefung“ aus Hamburg hat sich mit Markus Merit von der Interessenvereinigung „Cycling Embassy of Denmark“ in Kopenhagen unterhalten. Da ebenso wie in Berlin auch in Hamburg das hochgesteckte Ziel „fahrradfreundliche Stadt“ existiert, man dort aber ebenso immer wieder am Unwillen der Politik scheitert, wurde eben mal in Dänemark nachgefragt, wie man dort das traute Miteinander von Zwei- und Vierrädern auf die Kette bekommt.

Die Antwort ist recht einfach:

Das ist kurz beantwortet: Kopiert das politische Wohlwollen, das wir in Kopenhagen haben. Um da hinzukommen, wo wir jetzt sind, mussten harte politische Entscheidungen getroffen werden. Jetzt haben Fahrräder bei uns in der Stadt Priorität vor Autos. Beides gleichzeitig geht nicht.

Diese Priorisierung jedoch in Deutschland hinzubekommen, dürfte noch lange Wunschdenken bleiben. Der deutschen Politik fehlt es eben, und da nehmen sich Berlin und Hamburg beide nichts, an Mut. Mut zum aktuellen Jahrtausend. Leider. 🙁

Nachholbedarf im Alltags-Radverkehr

Und gleich noch einmal Gera. Am letzten Maiwochenende fand dort der 5. „FahrRad!“-Tag statt, bei dem für eine intensivere Nutzung des Fahrrades geworben wurde. Kurz zuvor lud dann noch der ADFC zu einer Rundfahrt, in deren Fokus die Radverkehrsinfrastruktur der Stadt Gera stand. Einen direkten Zusammenhang zwischen beiden Events soll es angeblich nicht gegeben haben. 😉

Zurück zum 5. „FahrRad!“-Tag, der mit zwei Radtouren und einer Sternfahrt begangen wurde, an der auch der Radbeauftragte der Stadt teilnahm. Ja, richtig. Gera hat einen Radbeauftragten. Und der stellte dann auch fest, das neben viel Bedarf in Sachen Radinfrastruktur auch abseits vom Radsport und dem Radtourismus in Gera noch Nachholbedarf beim alltäglichen Gebrauch des Fahrrades besteht.

Radler, alles Steuerverweigerer!

Ein recht häufiges Ding, was man Radlern an den Kopf wirft, wenn sie für ihre Rechte eintreten, ist die Sache mit den Steuern. Radler zahlen ja, ganz im Gegensatz zu dem permanent bis aufs Letzte ausgebluteten Autofahrer, überhaupt gar keine Steuern. Nie. Und so sollen doch Radfahrer zuerst einmal Radfahrsteuer und am besten auch Radfahrhaftpflichtversicherung und Radfahrvollkaskoversicherung und gern auch noch eine Straßenbenutzungsgebühr zahlen.

Sehr, sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang einen Artikel bei urbanist-magazin.de. Dieser Artikel ist zwar schon fast zwei Jahre alt, hat aber bis dato kein Stückchen Aktualität verloren. Er beleuchtet die aktuelle Steuerlastverteilung, erklärt warum Steuern so erhoben werden, wie es derzeit geschieht und kommt zu dem Schluss, dass Radfahrer eigentlich sogar noch – zumindest wenn man auf absolute Steuergerechtigkeit pocht – dafür bezahlt werden müssten, das sie sich auf ihr Velo schwingen, anstatt das Auto zu nehmen.

Elektromobile Senioren

Da habe ich ja demletzt in Regines Radsalon noch ganz kühn die These geäußert, das Senioren mit ihren E-Bikes und Pedelecs deutlich besser und vor allem sicherer klarkommen würden, als man ihnen landläufig gern unterstellt und dann kommt das hier.

Jeder zehnte getötete Fahrradfahrer ist ein Pedelec-Nutzer, acht von zehn Unfalltoten sind älter als 65 Jahre.

Aber: Die Welt. Wir reden hier also von der Springerpresse, müssen das also alles ganz ohne Schlagzeile betrachten. Freundlicherweise liefert der Artikel selbst die Erklärung. Denn klar, unter den Nutrzern elektrisch betriebener Bikes sind derzeit eben noch überproportional viele Senioren. Und die sind, völlig unabhängig davon, ob sie ein E-Bike oder einen herkömmlichen Tretesel benutzen, bei einem Unfall generell viel schneller verletzt als ein jüngerer Fahrer.

Das Senioren hingegen, so wie es der Artikel darstellt, deutlich weniger Helm tragen, kann ich auch nicht ganz unterschreiben. Hierzugegend jedenfalls beobachte ich, das elektrisch unterstützt radelnde, aber zunehmend auch „normal radelnde“ Senioren immer häufiger mit Helm anzutreffen sind.

Mehr Platz für Fahrräder

Es ist erfreulich zu sehen, dass von immer mehr Seiten Unterstützung für den Volksentscheid Fahrrad kommt, dass immer öfter gezeigt wird, das der Senat dieses für Berlin absolut notwendige Vorhaben bei jeder sich bietenden Gelegenheit torpediert. So fand sich demletzt im der Berliner Morgenpost ein netter Kommentar, der vor allem gleich zu Beginn darauf eingeht, das der Senat von Volksentscheidungen auch profitieren kann, bzw. eben dies in jüngster Vergangenheit auch getan hat:

Den Rückkauf der Berliner Wasserbetriebe trägt die Regierungskoalition aus SPD und CDU inzwischen als großen Erfolg ihrer Politik in der nun ablaufenden Legislaturperiode vor sich her. Wesentlicher Auslöser für diese Aktion war das Volksbegehren, das zunächst nur die Offenlegung der geheimen Privatisierungsverträge verlangte, sich aber zur Volksbewegung für die Rückkehr dieser zentralen Versorgungsinfrastruktur in kommunale Hand auswuchs.

Aber wir werden sehen, Berlin ist im Wahljahr und nicht mehr lange, dann wird gewählt. Und der Ausgang der Wahl im September ist bisher alles andere als klar, zu viele Problemfelder sind gerade akut in der Stadt gerade in Anbetracht eines möglichen Rechtsruckes finde ich es vom Senat absolut unverantwortlich, hier eine nicht zu verachtende Wählergruppe mal eben durch konsequente Lobbypolitik für die Automobilindustrie zu verprellen. Aber wir werden sehen…

Landesbetrieb Fahrradinfrastruktur

Vor ein paar Tagen klingelte es schon durch die Kanäle. Berlin will einen Landesbetrieb gründen, der sich um die fahrradinfrstruktur kümmern soll. Nun wird das niemanden wundern, sieht es doch derzeit ganz so aus, als würde der Volksentscheid Fahrrad ein Erfolg werden. Und da ist klar, das der Senat nun wieder einige Nebelkerzen wirft, um damit zu zeigen wie sehr er doch um den Radverkehr bemüht ist.

Allein mir fehlt der Glaube, das ein eigener Landesbetrieb für Fahrradinfrastruktur wirklich in der Lage ist, so richtig etwas zu reißen. Die Berliner Morgenpost schreibt zu diesem Vorhaben:

Nach dem Vorbild der Planung und Realisierung des Gleisdreieck-Parks soll eine Projektgesellschaft im Auftrag des Landes einen Plan für den Ausbau der Fahrradinfrastruktur erstellen und dann auch umsetzen. Auch die Bezirke sollen beteiligt werden. Bislang scheitern viele Bauprojekte an den unterschiedlichen Interessen zwischen Senat, Bezirken und der Verkehrslenkung.

Und da wird schon deutlich, woran letztlich wieder alles scheitern wird. Senat und Bezirke dürften gegenläufige Interessen haben und am ende scheitert alles an der VLB. Die ist nämlich nicht gerade für Fahrradfreundlichkeit bekannt. Darüber hinaus ist die VLB auch eher für sehr lange Bearbeitungszeiten bekannt, so manchen Projekt liegt deswegen auf Eis.

Kurzum, der Senat betreibt hier wieder einmal jede Menge Augenwischerei, ganz in der Hoffnung, ähnlich wie bei der Mietenproblematik am Volksentscheid vorbeizukommen.

Aktion gegen Falschparker auf Radwegen

Letzte Woche schrieb ich ja von der Aktion der Berliner Polizei, bei der Falschparker auf Radwegen konsequent abgeschleppt werden sollten. Dabei kommt nach einem Bericht der taz die Polizei zu der Erkenntnis, das Radspuren für viele einen echt angenehmen Parkplatz darstellen. Auf diesen Flächen zu parken wird quasi als Anrecht gesehen:

Noch übler ist indes, dass, so die Polizei in ihrer Mitteilung, die Kontrolleure ein „Unrechtsbewusstsein“ bei den Falschparkern selten wahrgenommen haben. Sprich: Halten auf den Spuren gilt nicht nur als praktisch, sondern wird sogar als Anrecht angesehen. Die Falschparker fühlen sich als Kings of the Road – und degradieren so Radler und Busse zu Verkehrsteilnehmern zweiter Klasse.

Seltsam nur, das es so einer Aktion bedurfte um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Im Rahmen dieser Aktion kam es übrigens zu 2.304 Anzeigen gegen Falschparker. Leider wurden nur 92 davon „konsequent“ abgeschleppt. Und darüber hinaus waren nicht alle Bezirke mit dabei. Hier in Spandau kenne ich gleich mehrere Spots, an denen die Radwege und -spuren täglich als Parkraum mißbraucht werden.

Verhandeln, öhem, Erklären!

Abschließend noch eine kurze Meldung zu einer Schlagzeile, die schnell falsch verstanden ist. Die Berliner Morgenpost titelte doch tatsächlich: „Fahrrad-Initiative will mit Senat verhandeln„. Ich bekam, als ich dieser Schlagzeile gewahr wurde, zunächst einen Schreck und dachte kurz, das es der Senat nun doch geschafft hat, mit seinem hektischen Aktivismus in Sachen Radverkehr die Initiative Volksentscheid Fahrrad an den Verhandlungstisch zu bekommen, um so möglicherweise das ganze Projekt zu stoppen.

Aber ein Blick in den Text beruhigte den Blutdruck umgehend wieder. Man hat sich lediglich auf eine Einladung des Senats eingelassen, um Herrn Verkehrssenator Geisel einfach mal das Berliner Radgesetz zu erklären, das er ja ganz offenbar nicht verstanden hat. Puhh, Glück gehabt. Also alles gut, es geht weiter. 🙂

Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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