Ra(n)dnotizen #70

Erst vorletzte Woche war ja der Bund der Steuerzahler Thema, der die Einrichtung von Radverkehrszählern als überteuerten Schnickschnack bezeichnete. Der Eindruck drängte sich auf, dass der BdSt hier aktiv gegen den Radverkehr vorgehen möchte. Nun drängt sich dieser Eindruck auch in Niedersachsen auf, wo der BdSt jede Menge Stimmung gegen die Radverkehrsförderung macht, und sich dabei dann (absichtlich?) ganz gehörig verrechnet. Wie die taz berichtet, wurden hier mal eben locker 3,7 Millionen Euro zuviel „angemahnt“.

„Der Steuerzahlerbund argumentiert ideologisch“, ärgert sich deshalb der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Niedersachsen, Dieter Schulz. „Das Auto soll bevorzugt werden.“ Kritik kommt auch von der verkehrspolitischen Sprecherin der Grünen im Landtag in Hannover, Susanne Menge: BdSt-Chef Zentgraf argumentiere nicht „finanztechnisch“, sondern „politisch“, meint auch die Abgeordnete. „Wir geben kein zusätzliches Geld aus, sondern schichten von Straßen auf Radwege um“, sagt sie.

Dabei ist schon erstaunlich, bei welchen Beträgen hierzulande von Verschwendung die Rede ist. Im europäischen Vergleich ist für gewöhnlich von ganz anderen Summen die Rede, die dort dann auch ganz ohne schlechtes Gewissen ausgegeben werden. Insbesondere London und Kopenhagen sind hier Vorreiter und auch Wien will jetzt nachziehen. Dort will man nun ebenfalls Langstreckenverbindungen anlegen, um so den Radverkehr deutlich attraktiver zu machen.

Das Radkompetenz-Mitglied Verkehrsplanungsbüro Rosinak & Partner hat dafür im Auftrag der Stadt Wien drei Radrouten ausgearbeitet, die künftig das Umland Wiens mit dem Stadtzentrum besser – das heißt in optimierter Reisezeit und qualitativ hochwertig – verbinden sollen.

Aber auch in London, darüber habe ich ja hier schon das Eine oder Andere mal berichtet, geht es in Sachen Radverkehr stetig voran. Durch entsprechenden Ausbau ist der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr ständig am wachsen und Fahrrad fahren wird mehr und mehr zum hippen Lebensstil. Der Journalist Tim Farin hat dazu einen ganz interessanten Artikel verfasst, der zunächst bei velobiz.de (hinter Paywall) erschien und nun auch in seinem Blog zu lesen ist.

Wer einmal morgens vor neun oder spätnachmittags ab fünf den Fahrradverkehr in der Finanzmetropole gesehen hat, dürfte keine Zweifel mehr haben: Das „bicycle“ gehört heute ebenso zum urbanen Lebensstil der britischen Hauptstadt wie die schwarzen Taxen. Der Trend ist eindeutig: Zwischen 2004 und 2014 wuchs die Zahl der täglichen Radfahrten in der Stadt von 380.000 auf 610.000. Galt London vor ein paar Jahren dem Stern noch als „die schlimmste Fahrradstadt der Welt“, so wandelt sich das Bild stetig.

Mit der Aktion „Bärchen gegen Brummis“ hat die Initiative zum Volksentscheid Fahrrad in Berlin auf ein recht großes Problem aufmerksam gemacht. Viele Radwege sind hier nämlich alles andere als kindersicher, soll heißen, man lässt sein Kind besser nicht dort fahren, denn die Unfallgefahr ist einfach deutlich zu hoch. In diesem Zusammenhang wurde von der Berliner Morgenpost eine Umfrage gestartet, bei der man zu 50 Berliner Straßen angeben konnte, ob man sein Kind dort Fahrrad fahren lassen würde.

Im Durchschnitt stimmten knapp 75 Prozent der Teilnehmer mit „Nein“, insgesamt wurden 93 Prozent der Radwege von mehr als der Hälfte als nicht kindersicher bewertet. Auffällig ist, dass die Teilnehmer der Umfrage ihre Kleinen besonders auf jenen Straßen nicht fahren lassen würden, auf denen es nur eine Busspur als Radweg gibt: Hauptstraße (Schöneberg), Kantstraße, Sonnenallee oder Kurfürstendamm schnitten nach der Leipziger Straße, auf der es ebenfalls eine Busspur gibt, am schlechtesten ab.

In Mailand verfolgt man derweil einen ganz anderen Ansatz. Anstatt einfach die Infrastruktur so umzubauen, das Fahrrad fahren eine angenehme Sache wird, will man hier mit Geld locken. Ob das nun wirklich ein guter Weg ist, darf sicher bezweifelt werden, ich selbst halte solche Prämien für Unfug und auch das die Kontrolle nahezu unmöglich ist, also niemand genau weiß ob tatsächlich das Rad genommen wird, hat man wohl auch schon festgestellt.

Die Polytechnische Universität von Mailand wird zudem dabei behilflich sein, ein technisches System zu entwickeln, dass überprüft, ob jemand auch tatsächlich mit dem Fahrrad unterwegs ist. Eine einfache App, die die Geschwindigkeit misst, könnte dabei nicht ausreichen. Denn durch die zahlreichen Staus in der Stadt gleichen sich die Geschwindigkeiten von Auto und Fahrrad oftmals an.

In Sachsen-Anhalt hat man dagegen die richtigen Ideen, eben die Förderung des Radverkehrs durch entsprechende bauliche Maßnahmen. Aber auch durch die Anstellung eines Radverkehrskoordinators soll der Radverkehr gefördert werden. Das Ganze wurde dann auch schon im Koalitionsvertrag festgeschrieben, ähnlich wie man es gerade in Berlin getan hat.

„Wir haben im Koalitionsvertrag eine Reihe von zentralen Vorhaben bezüglich des Radverkehrs formuliert. Sie müssen nun umgesetzt werden“, fordert die bündnisgrüne Politikerin Lüddemann. In diesem Zusammenhang sei die beim Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr zu verortende Stelle der Radverkehrskoordinatorin/des Radverkehrskoordinators von zentraler Bedeutung.

Nur hat man in Berlin derzeit eher den Eindruck, das gerade die SPD sehr viele Dinge in der Koalitionsvereinbarung nur deshalb akzeptiert hat, um an der Macht zu bleiben. Wirklicher Wille scheint da nicht die Ursache gewesen zu sein. 😕

Tweet der Woche: Der „große Gelbe“ drängelt

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Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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