Ra(n)dnotizen #73

Ganz klar größter Aufreger der letzten Woche war der Berliner Innensenator Andreas Geisel. Denn nun wurde ganz offen thematisiert, was ich mir schon eine Weile dachte und was (leider) auch manch anderer befürchtete. Es geht um die Verschleppung des Radentscheides. So wurde ja schon vor kurzem durch die Initiative Volksentscheid Fahrrad eine Untätigkeitsklage eingereicht, da die Senatsverwaltung für Verkehr die rechtliche Prüfung des Radgesetzes über Gebühr verzögerte.

Ein schlauer Coup eigentlich, denn die Entscheidung wurde genau einen Tag vor dem Wechsel des Verkehrssenators ins Innenressort herausgegeben. Und nun prüft diese Entscheidung – tadaa! – der Innensenator. Möglich gewesen wäre die Entscheidung schon seit Oktober, denn das ihr zu Grunde liegende Gutachten stammt aus eben diesem Monat. In der Pressemeldung der Radinitiative heißt es dazu:

Die zugehörige Stellungnahme zum Rechtsgutachten durch den damaligen Verkehrssenator Andreas Geisel wurde von diesem allerdings erst an seinem letzten Arbeitstag, am 07. Dezember, abgegeben und an die Innensenatsverwaltung weitergeleitet. Damit hat sich der scheidende Verkehrssenator und aktuelle Innensenator Geisel selbst die politische Bewertung des Rechtsgutachten zukommen lassen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Andreas Geisel den Prozess bewusst verzögert hat.

Wobei eine andere Geschichten ebenfalls ein gewisses “Aufregerpotenzial” hat. Nicht ganz so groß, sicher, aber für eine gepflegte Fazialpalmierung langt es allenthalben. Im beschaulichen Ilmenau in Thüringen redet man von hohen Investitionen in den Fahrradverkehr, wobei sich das dann eher auf erhaltende Maßnahmen beschränkt. Das alles geschieht in Zusammenhang mit einem Radverkehrskonzept aus dem Jahr 2008. Soweit nichts sonderlich dramatisches, aber dann kam das hier:

In diesem Zusammenhang appellierte gestern Stadtrat Stefan Sandmann (parteilos) an Radfahrer, ihr Gefährt im Winter stehen zu lassen. Erst vor Kurzem sei er Zeuge eines “fast tödlichen Unfalls” geworden, weil ein Radler bei Schnee unterwegs war, schilderte er.

Dieser Logik zufolge müssten dann auch Fußgänger im Winter zu Hause bleiben. Die haben ja auch zuweilen “fast tödliche Unfälle”, wenn sie bei Schnee unterwegs sind. Mal ehrlich, was geht eigentlich in solchen Leuten vor? 😮

Als eine der letzten wirklich wichtigen Meldungen des letzten Jahres kann man durchaus ein Interview bezeichnen, das der Tagesspiegel kurz vor Silvester veröffentlich hat. Es war ein Interview mit dem Kopenhagener Bürgermeister Morten Kabell, der darin ein paar wirklich vorzeigbare Zahlen nennt. So liegt der Radverkehrsanteil im unmittelbaren Stadtgebiet schon heute bei 63%, während der Autoverkehr dort gerade mal 9% ausmacht. Und selbst in der gesamten Region Kopenhagen kommt man bald auf 50% Radverkehrsanteil. Aber klar, hier werden auch finanziell klare Aussagen gemacht.

Das Budget für die reguläre Unterhaltung sind rund elf Millionen Euro. Dazu kommen einzelne Großprojekte wie Brücken. Für die letzten zehn Jahre addiert kommen wir auf knapp 160 Millionen Euro. Das ist übrigens gerade die Hälfte dessen, was wir für eine einzige Anschlussstraße ausgeben, die die Autobahn im Norden mit dem Hafen verbindet: Vier Kilometer Straßentunnel kosten doppelt so viel wie die Fahrradförderung in zehn Jahren! Radverkehrsanlagen sind wirklich mit Abstand am billigsten zu haben.

Darüber hinaus wird noch ordentlich in den ÖPNV investiert und dennoch, bitte festhalten, die Bürger fordern noch mehr Geld für den Radverkehr. Die haben es begriffen, die Dänen…

Ähnliche Töne hört man auch aus, wen wundert es, Amsterdam. Dort hat man innerstädtisch derweil auch um die 60% Radverkehrsanteil. Und auch hier war es der erklärte Wille der Bevölkerung. Ein Artikel bei SpOn aus dem Mai 2015 beleuchtete dazu ein wenig die geschichtliche und die zukünftige Entwicklung und bringt auch noch ein paar Zahlen ins Spiel.

In den letzten 20 Jahren ist der Anteil der Radfahrer in der Stadt um 40 Prozent gestiegen. Mehr als die Hälfte der städtischen Fortbewegung findet heute mit dem Fahrrad statt. 73 Prozent der Amsterdamer haben mindestens ein Fahrrad, 58 Prozent radeln täglich und legen dabei zusammen pro Tag zwei Millionen Kilometer zurück.

Nun denn, so schauen wir dann wenigstens träumenden Auges auf unsere Nachbarn, während in Deutschland der Radler noch immer die Zielscheibe wütender Autofahrer sind. Oder gar Polizisten, wie demletzt in Heidelberg geschehen. Dort meinte ein Polizist, das eine Radlerin für einen Stau verantwortlich wäre und versuchte, sie auf den (für Radler freigegebenen) Gehweg zu zwingen.

Doch am Freitag wurde sie, wie sie sagt, von einem Polizisten in einem Zivilfahrzeug “bedrängt”; dabei versuchte er, sie “durch das offene Fenster zu nötigen, auf dem Gehweg zu fahren”. Dann überholte er Wolschin und hielt sie an. Sie habe ihn darauf hingewiesen, dass sie im Recht sei, aber er habe es nicht verstehen wollen.

Also wenn schon die Sheriffs keine Ahnung von der StVO haben, wer dann? 😮

Zum Thema “Ahnung” wird uns ja ohnehin eine ganz bestimmte Sache noch ein Weilchen beschäftigen. Und das ist die aktuelle StVO-Novellierung. Denn auch wenn inzwischen alles dazu gesagt sein sollte, auch wenn gerade der “Coup” mit dem Zusatzschild für E-Bikes hundertfach durchgekaut und erklärt wurde, welche Art von E-Bikes damit tatsächlich gemeint ist, finden sich immer noch vollkommen falsche Darstellungen.

Auf Bundesebene hat man inzwischen auf die steigende Zahl der Pedelecs im Rahmen der Neuerungen in der Straßenverkehrsordnung reagiert. Seit Dezember 2016 dürfen Pedelecs bis 25 Stundenkilometer innerorts nur noch auf ausgewiesenen Radwegen fahren. Über die Ausweisungen entscheiden allerdings die Länder.

So ein Blödsinn aber auch…

Inzwischen ist das neue Jahr schon ein paar Tage alt und wie üblich zum Jahreswechsel gibt es Rückblicke. In Radlerkreisen ist es dabei zumeist das obligatorische Jahresrückblickvideo bei Strava, aber auch in den Medien wird zuweilen die Kilometerleistung von Radlern thematisiert. So auch bei der Lippezeitung. Hier gibt es einen Bericht über einen 80jährigen, der in seinem “hohen” Alter die stattliche Leistung von 10.000 Fahrradkilometern bringt.

3 Brote, 15 Brötchen, auf dem Rückweg noch in die Apotheke – hauptsächlich mit solchen stets per Zweirad erledigten Alltagstouren legt Hundertmark jährlich etwa 10.000 Kilometer zurück. Auf seinem erst zwei Jahre alten Elektrofahrrad hat er so bereits 19.000 Kilometer „erstrampelt”.

Beim ADFC Ebersberg findet sich hingegen ein ganz anderer Jahresrückblick. Jürgen Friedrichs lässt darin das Jahr 2016 Revue passieren und zeigt darin in Hinblick auf die im Rahmen des Terroranschlages von Berlin entfachte Sicherheitsdiskussion den Unterschied zwischen echtem und gefühltem Risiko auf, das ja auch in Diskussionen rund um den Radverkehr immer wieder Thema ist.

Dieser krasse Unterschied zwischen objektivem Risiko und subjektiver Risikowahrnehmung lässt sich an kaum einem anderen Thema so plakativ darstellen als am Radverkehr. Da wäre zum Beispiel die Gruppe derer, die unbehelmte Radfahrer als verantwortungslos bezeichnen. Dabei gehört Radfahren zu einer der sichersten Fortbewegungsarten überhaupt.

Der Rückblick enthält jede Menge Buchstaben, die es sich aber allenthalben zu lesen lohnt. Ebenso sehr lesenswert ist ein Artikel der mir auf blog.medienecken.de untergekommen ist. Dort wird unter dem Titel “Anarchie und Verkehrschaos als wünschenswerte Zukunftsutopie” die Verkehrssituation im Kölner Stadtteil Rodenkirchen beleuchtet. Interessant daran ist, das exakt dieser Text im Grunde aus jeder deutschen Stadt stammen könnte, denn er beschreibt genau das, was jeder Radler in Deutschland an beliebigen Orten erlebt. Und äußert am Ende eine Idee, die vielleicht gar nicht mal so verkehrt ist…

Gelassenheit und Rücksicht ist demnach die Grundlage für fließenden Verkehr, bei dem alle Verkehrsteilnehmer gefordert sind. Betrachte ich den Verkehr in Rodenkirchen, so denke ich manches Mal, wenn man alle Verkehrsschilder abbaut, die Ampeln außer Kraft setzt und den Verkehr laufen lässt, so verläuft er stressfreier, weil niemand mehr ein Recht für sich in Anspruch nehmen kann.

Tweet der Woche: Die Polizei schaut zu

Diese Woche mal eine Fortsetzung des Tweets der letzten Woche…

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu “verwursten”, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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