Ra(n)dnotizen #75

Manchmal kann man sich ja kaum ausdenken, was einige Politiker so absondern. Gerade erst letzte Woche waren hier in den Radnotizen sowohl Pedelecs als auch Fahrradhelme bzw. eine Pflicht dafür, aber auch falsch gelesene Unfallstatistiken ein Thema. Und prompt kommt mal wieder ein Politiker um die Ecke, der alle drei Themen verbindet und mal wieder ganz laut nach einer Helmpflicht ruft.

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Martin Burkert (SPD) , fordert deshalb eine Helmpflicht für das Fahren von Elektrorädern. „Fahrradhelme sind Lebensretter“, sagte Burkert in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Nach Einschätzung von Experten könnten Helme rund 80 Prozent aller schweren Hirnverletzungen bei Radfahrern vermeiden. Burkert sagte: „Ich kann mir eine Helmpflicht für Fahrradfahrer, insbesondere für E-Bike und Pedelec, vorstellen, auch wenn ich weiß, dass das kein populärer Vorschlag ist.“

Sehr zum Ärger der Gegner des Radverkehrs gibt es ja, wenngleich auch sehr selten, Fahrradstraßen. Diese Fahrradstraßen, auf denen der Radler den Ton und damit das Tempo angibt, erlauben in aller Regel auch Anwohnern, sich dort mit dem Kraftfahrzeug zu bewegen. Was in aller Regel auch funktioniert. Zumindest meistens, denn ich selbst erlebe häufig, das ich auf der einzigen Fahrradstraße die ich selbst regelmäßig befahre, mit der Hupe vorangetrieben und dann durch knapp überholende PKW fast abgedrängt werde.

So richtig schlimm ist es aber in einigen Berliner Fahrradstraßen. Schon in den Radnotizen #64 berichtete ich über die Berliner Prinzregentenstraße, die offiziell eine Fahrradstraße, im Alltag jedoch eher eine Hauptdurchgangsstraße ist. Im Tagesspiegel findet sich dazu ein Foto, das recht eindrucksvoll zeigt, wie sehr sich PKW-Fahrer an die StVO halten, im Artikel wird geschildert, was sich dort täglich abspielt.

Autofahrende Anwohner, die sich ans Tempolimit von 30 Km/h halten, werden von schnelleren Autos überholt und beschimpft, Fahrradfahrer müssen schnellen Autos ausweichen und Google Maps schlug die Prinzregentenstraße als schnellste Route von der Wexstraße zur Bundesallee vor, bis ein Radfahrer das dort anmerkte und es geändert wurde, wie er berichtet.

Nun hat sich (schon ende Oktober) die Unfallforschung der Versicherer (UDV) zu Wort gemeldet und gefordert, den Durchgangsverkehr in Fahrradstraßen nachhaltig zu unterbinden.

Fahrradstraßen sind grundsätzlich sicher und sinnvoll – wenn wichtige Rahmenbedingungen eingehalten werden. Dazu gehört, dass der motorisierte Durchgangsverkehr möglichst unterbunden wird, bestimmte Fahrbahnbreiten eingehalten werden und eine durchgehend einheitliche Vorfahrtregelung für den Radverkehr eingerichtet wird.

Neben diversen baulichen Maßnahmen kommt aber am Ende auch wieder ein ganz wichtiger Punkt: Aufklärung. Denn Fahrradstraßen anordnen und baulich anpassen allein genügt nicht, der Autofahrer muss auch dringend drüber aufgeklärt werden, wie eine Fahrradstraße funktioniert. Das dies enorm wichtig ist, zeigt ja die Novelle der StVO von 1997, als die allgemeine Radwegebenutzungspflicht aufgehoben wurde, was ja bekanntlich selbst jetzt, 20 Jahre später, nur die wenigstens Autofahrer mitbekommen haben.

Aber Fahrradstraßen haben auch andere Probleme, nämlich jede Menge Gegenwind, wenn sie angeordnet werden sollen. In Berlin entbrennt derzeit nämlich ein Streit über die Gleimstraße. Diese soll nach Willen des grünen Verkehrsstaatssekretärs Jens-Holger Kirchner eine Fahrradstraße werden. Eine tolle Idee eigentlich, jedoch sehen das – wie üblich – CDU und AfD ganz anders. Und während die CDU noch fordert, wenigstens den Gleimtunnel für alle Verkehrsarten offen zu halten, sie die AfD in diesem Vorhaben Klientelpolitik.

Der AfD-Abgeordnete Ronald Gläser glaubt, dass der Kirchner-Plan „ein weiterer Schritt hin zur endgültigen Schließung des Tunnels für den normalen Verkehr“ ist. Es gehe offenbar darum, eine weitere Ost-West-Verbindung zu kappen und „den Autoverkehr weiter zurückzudrängen“. Es handele sich um „grüne Klientelpolitik“, teilte Gläser am Mittwoch mit. Diese nütze nur der „Minderheit der Fahrradfahrer“. Autofahrer hätten das Nachsehen.

Nicht erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang sicherlich, das natürlich auch die ortsansässigen Einzelhändler ganz klar dagegen sind. Sie sehen ihren geschäftlichen Untergang kommen, wenn der PKW-Verkehr ausbleibt. Klar, ein Möbelhändler hat es dann schon etwas schwerer, denn seine Kunden brauchen Transportmittel. Aber – und da sind wir wieder beim Thema Aufklärung – sind die Kunden beim Transportvorhaben ja wieder Anlieger. Und das Radler, ebenso wie Fußgänger, viel schneller mal vor einem Geschäft stehen bleiben und auch mal reingehen, also durchaus von Vorteil für den Einzelhandel sind, vergessen die Händler ebenso.

In den Radnotizen #71 zum Jahresanfang hatte ich ja erwähnt, das in Essen eine halbe Million Euro, die eigentlich für den Radverkehr gedacht waren, zweckentfremdet wurden. Dazu kam dann der freundliche Hinweis, das es sich dabei um eine ältere Meldung handelte. Das war mir so gar nicht aufgefallen. Dazu kam dann der Hinweis zu einem aktuellen Fall. Dortmund hat mal eben auf 600.000€ verzichtet. Wie es dazu kam, schreibt er in seinem Blog.

Dem Radverkehr sind durch den Vorgang 600.000 € verloren gegangen. Die Maßnahmenliste für den Verstärkungsbetrag soll Anfang des Jahres vorgelegt werden. Hoffen wir, dass sie nicht wieder vergessen wird…

Aber das ist ganz sicher kein Einzelfall, denn Geld steht durchaus zur Verfügung, es wird schlicht nicht abgerufen. So hat der saarländische Bundestagsabgeordnete der Grünen, Markus Tressel, mal eben eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Aus der Antwort geht hervor, das man im Saarland keinen Cent der 300.000 € abgerufen hat, die der Bund für den den Ausbau und Erhalt der Radwege an Bundesstraßen zur Verfügung stellte.

„Auch 2016 war wieder ein verlorenes Jahr für den Radverkehr im Saarland“, bilanziert Tressel, der auch im Verkehrsausschuss des Bundestages sitzt. Damit setze sich ein Trend fort: Auch im Vorjahr habe das Saarland 500 000 Euro Fördergelder vom Bund verfallen lassen. Andere Bundesländer hätten ihre Chance deutlich besser genutzt. So habe Rheinland-Pfalz im letzten Jahr 3,4 Millionen Euro vom Bund erhalten. Allerdings standen 9,2 Millionen zur Verfügung, das Nachbarland ließ also 5,8 Millionen verfallen.

Schon Anfang Dezember 2016 begab es sich, das im Kärntener Örtchen Villach der PKW einer pensionierten Dame gestohlen wurde. So war sie nun gezwungen, ihre täglichen Wege mit dem Fahrrad zu erledigen. Was ihr vermutlich wenig Probleme bereitete, denn wer nun glaubt, das sie wie der typische „Einkaufskörbchentorkelradler“ unterwegs ist, der irrt. Ganz im Gegenteil, sie ist sogar richtig flott. Denn als sie von einem Auto überholt wurde, das ihr arg bekannt vorkam, hat sie mal so richtig in die Pedale gehauen.

Die Villacherin war am 6. Jänner mit dem Rad unterwegs, als sie in der Maria-Gailer-Straße von ihrem eigenen, am 5. Dezember gestohlenen Pkw überholt wurde. Sofort nahm sie mit ihrem Fahrrad die Verfolgung auf und konnte den Lenker bei einer Trafik zur Rede stellen, während er Zigaretten aus einem Automaten drückte. Sie forderte den Mann auf, seinen Namen bekanntzugeben.

Zurück nach Deutschland, genaugenommen nach Siegen. Dort haben familiäre Veränderungen und ein rauschendes fest dafür gesorgt, das der Mitarbeiter eines lokalen Lieferunternehmens seinen Führerschein verlor. Da sein Chef jedoch nicht auf ihn verzichten konnte (oder wollte), hat er eine schon lang geplante Idee umgesetzt. Jetzt werden in der Innenstadt E-Cargobikes eingesetzt.

Eigentlich hat das Ganze nur Vorteile: Die Zusteller sind sowieso bei Wind und Wetter draußen, ob sie nun Auto oder Fahrrad fahren. Spediteur Gieseler hatte auch an einem überdachten Fahrrad überlegt – aber keiner seiner Leute hat sich je beschwert. Denn die wenigste Zeit verbringen sie im Wagen: Parkplatz suchen, weite Wege mit der Sackkarre zurücklegen, vor Ampeln oder im Stau warten – entfällt alles. „Das E-Cargo-Bike ersetzt ein komplettes Dieselauto“, sagt Timo Gieseler – ein nicht unbeträchtlicher Kosten- und Umweltfaktor: Gieseler spart Kosten und Abgase.

Ein Konzept, das eigentlich in jeder deutschen Stadt genutzt werden sollte, denn schaut man sich mal an, wieviele Kleintransporter jeden Tag die Straßen verstopfen und dann gern in zweiter Reihe parkend den Fahrradverkehr behindern und gefährden, und setzt das zur tatsächlich gelieferten Menge Waren ins Verhältnis, dann ist das Cargobike die deutlich bessere Wahl.

Tweet der Woche: Fehlende Bedrohungssituation

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe.

Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet.

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3 thoughts to “Ra(n)dnotizen #75”

  1. Das du dich traust “ 530000 Euro für den Radverkehr in Ahlen“ aufzunehmen, wo du ja davor schreibst, wie mit solchen Geldern umgegangen wird. 😀

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