Ra(n)dnotizen #76

Ich selbst radel ja sehr gern, wo immer es geht, auf der Fahrbahn. Nun las ich demletzt einen ganz interessanten Artikel, in dem es um eben dieses „Vehicular Cycling“ – übrigens ein Begriff der mir bis dato noch nicht untergekommen war – ging. Der Autor beschreibt darin mit jeder Menge Buchstaben, wie und warum er zunächst dem „Vehicular Cycling“ frönte und weshalb er es nun nicht mehr tut.

Doch das, was ich an zusätzlicher Sicherheit gewann, weil mich auf der Fahrbahn kein blinder Rechtsabbieger vernascht, kompensierten die hanseatischen Kraftfahrer mit einem recht aggressiven Fahrstil. Wenn der Hamburger Kraftfahrer einen Radfahrer „trotz Radweg mitten auf der Straße“ bemerkt, dreht er teilweise sofort durch, er muss wild hupen, drängeln, eng überholen, womöglich sogar die Scheibenwaschanlage betätigen oder den Radfahrer mit einer Vollbremsung ins Heck knallen lassen. Der Fantasie für Fahrrad-Sanktionen sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt.

Insgesamt mal wieder ein enorm langer Artikel auf Radverkehrspolitik.de, jedoch ist er vollumfänglich lesenswert. Man sollte sich also ruhig mal die Zeit ans Bein binden und sich das in Ruhe durchlesen. Denn das was dort beschrieben wird, ist derzeit wohl eher symptomatisch für Deutschland. Und es zeigt, das wir – also all diejenigen, denen die Verkehrswende am Herzen liegt – langsam aus unserer Lethargie erwachen und unsere Stimme deutlich lauter erheben müssen, als bisher.

Der ADFC ist übrigens auch dabei, sich vom „Vehicular Cycling“ zu verabschieden. So stieß ich bei einigen Recherchen zu diesem Thema auf einen Artikel aus dem letzen Jahr, in dem ein Beschluss der ADFC-Bundesversammlung erwähnt wird, der eben die bekannte Forderung nach separierten Radwegen/Radverkehrsanlagen thematisiert, aber interessanterweise eben damit auch die Fragestellung nach einer möglichen Abkehr vom Fahrbahnradeln ins Spiel bringt. Mit einem ganz netten Fazit.

Ist dies nun auch das Ende des „vehicular cycling“? Nein, denn gute Radinfrastruktur wird freiwillig genutzt, sie braucht keine Benutzungspflicht. Wenn einige wenige auch bei guter Radinfrastruktur künftig mit den Autos fahren, wird die Welt nicht untergehen. Erfahrungen in anderen Ländern mit separierten Radspuren, den „protected bikelanes“, zeigen, dass sich viel mehr Menschen aufs Rad trauen, sobald es sie gibt. Sie erschließen eine viel größere Zielgruppe für den Radverkehr und lassen das Fahrrad zu einem ganz selbstverständlichen Teil der Mobilität im Alltag werden.

Das Ende von „vehicular cycling“ wird erst mit dem Ende des Automobils als Hauptverkehrsmittel in Städten kommen, also in etwa 15 bis 20 Jahren. Dann gehen die meisten „vehicular cyclists“ ohnehin langsam auf die 80 zu. Spätestens dann werden sie sich höchstwahrscheinlich über sichere Radwege freuen.

Kann man so eigentlich unterschreiben. Das Blog „Radfahren in Stuttgart“ thematisierte diese aktuell durch Netz schwirrende Abkehrdiskussion neulich ebenfalls. Und auch dort wird dieses Thema erfrischend nüchtern betrachtet. Und so sollte man sich diesen Artikel, auch wenn er ein wenig lokalen Einschlag mitbringt, ruhig mal durchlesen.

Bleiben wir beim Thema, denn eine Abkehr vom Fahrbahnradeln bedeutet ja, analog zu den Forderungen des ADFC, vom Rest des Verkehrs abgetrennte Radverkehrsanlagen. Im Grunde eine gute Idee, wenn sie eben auch gut umgesetzt ist. Genau das geschieht aber eben nicht immer, oft werden diese Radwege dann so geführt, wie es in Autodeutschland bisher der Fall ist. Kern des Problems ist hierbei, das wohl „im falschen Ausland“ abgeschaut wird. So zumindest die Betrachtungen, wie sie Rasmus Richter in seinem Blog macht.

Seit einiger Zeit schwappt das Konzept der Protected Bike Lanes aus Nordamerika über den Atlantik. Während das Konzept die Radwege-Fans unter den Fahrradlobbyisten und manchen Lokalpolitiker zu eruptiven Begeisterungsstürmen verleitet, bleiben die eher emanzipierten Alltagsfahrer und Teile der Verkehrssforschung eher skeptisch. Was da den Golfstrom herübergeschippert kommt, kommt nämlich manchem ungut bekannt vor. Hatten wir solche Wege nicht schon mal?

Das Ganze kann man jetzt sicher als Schwarzmalerei abtun, jedoch ist der Denkansatz auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Was bedeutet, das hier die Community gefordert ist, ihrer jeweiligen Kommune genau auf die Finger zu schauen, damit schon im Vorfeld im Rahmen möglicher Bürgerbeteiligung interveniert werden kann. Wenn es denn tatsächlich zu Fehlentwicklungen kommen sollte.

Übrigens, die wirkliche Krux beim Fahrbahnradeln ist ja eigentlich, dass sich ein sicherer Radfahrer dabei sicherer fühlt – und es auch ist – während ein unsicherer Radfahrer tatsächlich auch deutlich weniger sicher sein kann. Ich denke hier insbesondere an ältere Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht nur sehr langsam, sondern oft auch weniger „spurhaltend“ unterwegs sind.

Und die Realität in Autodeutschland ist ja, das der durchschnittliche Autofahrer beim Überholabstand ein genauso grandioses Gefühl für Maße hat, wie beim Angeben mit dem eigenen Pimmel. Und wo in der Kneipe aus 10 plötzlich 25 Zentimeter werden, werden auf der Straße 45 Zentimeter gern als 1,5 Meter wahrgenommen. Was dann sehr schnell zu schweren Unfällen führt.

Die Frau war am Dienstag (17. Januar 2017) auf der Triftstraße unterwegs, als sie von dem überholenden Fahrzeug berührt wurde und stürzte, wie die Polizei am Mittwoch mitteilte. Die Frau kam mit schweren Kopfverletzungen in eine Klinik.

Gefordert ist hier jedoch einerseits der Gesetzgeber, der endlich mal flächendeckend aufklären muss, wie geltendes Recht nebst seinen höchstrichterlichen Interpretationen aussieht und auch die Exekutive muss hier ganz klare Strafverfolgung betreiben. Aber schon am letzten wird es wohl immer wieder scheitern. 🙁

Bei Gilly wurde ich, schon Anfang Januar, auf ein ganz nettes Video aufmerksam gemacht. Dabei haben die Macher von Great Big Story 5 Videos zum Thema Fahrrad dahergenommen und ein einzelnes Video mit dem Titel „5 Stories Proving Why Bikes Are Awesome“ daraus gemacht, das eben diese 5 Geschichten erzählt, die so richtig Lust aufs Fahrrad fahren machen.

Ebenfalls ganz interessante Geschichten habe ich bei den Bikesisters gefunden. Unter der Überschrift „Radfahren „fördere“ die Onanie“ gab es dort demletzt einen ganz interessanten Exkurs in die Geschichte des Frauen-Radsports, in dessen Verlauf dann auch die Überschrift Erklärung findet.

Wegen dieser praktischen Kleidung und der gespreizten Beinhaltung beim Radfahren standen Fahrradfahrerinnen unter starker Kritik bis hin zu dem Verdacht, dass das Fahrradfahren sogar eine Onanie begünstige; Ärzte befürchteten zudem, Fahrerinnen könnten sich diverse Krankheiten zuziehen, wie etwa Geschwüre, oder unfruchtbar werden.

Früher hatte man zuweilen schon echt krasse Ansichten… 😯

Tweet der Woche: Schneewege

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

Ein Gedanke zu „Ra(n)dnotizen #76

  1. mit Interesse lese ich sowas immer gerne, wenn Radler davon berichten, dass und wie man auf den Fahrbahnen sicherer unterwegs ist…
    Habe ich früher zu meinen Rennradzeiten auch so gemacht – jetzt aber nicht mehr… jetzt fahre ich fast nur noch MTB und versuche immer so weit wie es geht, von den Autos weg zu sein. Das ist meine Konsequenz meiner Erfahrung.
    Trotzdem sehe ich ja als (auch)Autofahrer, was da so alles passiert:
    Da wurde z.B. ein dreiviertel Jahr die Ortsduchfahrt eine Nachbarörtchen voll gesperrt. Was die da so alles genau gemacht haben, weiß ich nicht aber die Fahrbahn hat eine neue Decke bekommen und der Fußweg ist auch neu gemacht geworden UND der Radweg ist nun auf die Fahrbahn gemalt worden aber keiner weiß wie damit umzugehen ist (oder es hält sich niemand dran…), kleines Örtchen eben… Die Fahrbahn ist auch nicht breiter geworden und weil so nicht genug Platz da ist, hat auch der Radstreifen noch nicht mal die Hälfte der Mindestbreite, die er haben sollte…

    Warum macht man dann sowas???
    Geholfen wird mit sowas Niemandem! Mit der danebenliegenden Gosse hat dieser Streifen an der breitesten Stelle 80cm, mehr mit!
    Aber die Gemeinde kann sich jetzt groß auf die Fahne schreiben, dass sie „WAS“ gemacht hat, was genau, kann niemand beurteilen… noch nicht einmal befreundete Polizisten konnten mir eindeutig und spontan erklären, wie mit solchen Spuren umzugehen ist… wie soll da der normale Autofahrer mit umgehen können? Okay, in genau dem Örtchen habe ich ausser mir sowieso niemals andere Radler gesehen und ich fahre da schon lange nicht mehr, bin da lieber nebenan im Wald, Abstand zu den Autos und so…

    Erst wenn jeder GENAU weiss, wie man mit sowas umzugehen hat, wächst vielleicht ein klein wenig Verständniss für die Radler … oder genauer gesagt, wenn man so einschneidende Sachen macht, warum wird dann niemand darüber RICHTIG aufgeklärt?
    Früher, zu meiner Teeniezeit gab es mal im Fernsehen so ne kleine MiniSendung namens „der siebte Sinn“ – sowas mit den heutigen modernen Medien hätte weit vor den Radstreifen auf der Fahrbahn geschaltet werden sollen … das jetzt nachher zu machen und dann vielleicht im genannten Ort draufhinzuweisen, dass der Streifen vielleicht doch viel breiter seien müsse und vielleicht gar nicht gepasst oder gar notwendig gewesen wäre … ist jedenfals der falsche Weg!

    Aufklärung!
    Öffentlichkeitsarbeit!

    …aber so wichtig ist es den Politikern vielleicht doch nicht, oder???
    oprative Hektik überdeckt hier die geistige Windstille….

    beste Grüße aus dem Süden von Hamburg 😉

Kommentar verfassen