Ra(n)dnotizen #78

Manch einer wird sich ja sicher noch daran erinnern: In Soest hatte man in der dortigen Jakobistraße kurzerhand das Radeln in der Mitte der Straße angeordnet. Damit konnten Radler nicht mehr (zu knapp) überholt werden und fuhren recht sicher. Das Ganze war quasi eine Art Pilotprojekt, schlug aber Wellen, die bis ins Bundesverkehrsministerium reichten. Dort war man sozusagen „not amused“, denn diese Lösung verstieß gegen das in Deutschland geltende Rechtsfahrgebot.

Und das geht in Deutschland ja mal überhaupt nicht. Kreative Lösungen, die sich außerhalb geltenden Rechts bewegen und öglicherweise eine Ausnahmegenehmigung benötigen. Also legte der Bundesverkehrsminister sein Veto ein. Aber in Soest will man sich nicht unterkriegen lassen und so nimmt man jetzt allerlei Taler an die Hand, und dekoriert die Jakobistraße einfach komplett um.

Steinbicker hat jetzt im Gespräch mit dem Anzeiger erläutert, wie die „neue“ Jakobistraße aussehen soll: Sie wird zu einer Fahrradstraße; Schilder gleich am Eingang am Jakobitor werden aufgestellt. Auf der Fahrbahn teilt dann – etwa einen knappen Meter vom rechten Rand entfernt – ein dicker weißer Streifen („Breitstrich“) die Jakobistraße in zwei Bereiche: Auto- und Radfahrer dürfen nur links von dieser Linie fahren; der rechte Teil bleibt für alle tabu. „Wir überlegen noch, ob wir dies mit einer Schraffur allen begreiflich machen.“

Witzig an dieser Sache ist ja, dass die „Soester Lösung“ sogar preisgekrönt war. Klar, auch wenn sie nicht überall umsetzbar ist, sie ist innovativ und mutig. Eben mal was ganz anderes und vor allem sehr preiswert in der Umsetzung. Und jetzt ratet mal, wer den Preis dafür verliehen hat…?! 😀

Da mag sich die Soester Lösung noch so sehr bewährt haben und obendrein 2013 vom (selben) Verkehrsministerium mit einem 5000-Euro-Preis ausgezeichnet worden sein: Ans Gesetz sei man gebunden, so widersprüchlich Preisvergabe und späte Forderung nach Abschaffung auch wirken mögen.

Eine ganz andere Geschichte geistert ebenfalls in den letzten Tagen immer wieder durch die Kanäle. Eine 78 Jahre alte Frau ist hunderte bis tausende Kilometer im Jahr mit dem Fahrrad unterwegs. Trotz des „hohen“ Alters lässt sie es sich nicht nehmen, ihren Urlaub mit dem Fahrrad zu machen und dabei gern auch mal 1.600 Kilometer Strecke zurückzulegen.

Im Mai 2010 radelte sie zum Beispiel von Paris nach Amsterdam – schlappe 550 Kilometer. Für gewöhnlich sind ihre drei bis vierwöchigen Trips allerdings etwa 1000 Meilen (etwa 1600 Kilometer) lang. Jedes Jahr bewältigt sie wenigstens eine dieser Touren.

Und auch wenn das kein wirklicher Einzelfall ist, man hört ja öfter von rüstigen Senioren auf dem Fahrrad, ich finde es immer wieder toll davon zu hören und hoffe, in diesem Alter selbst auch noch mit dem Fahrrad unterwegs sein zu können. Und um das zu schaffen, muss man erst einmal alt werden, was ja als Radfahrer auch nicht unbedingt einfach ist. Nicht selten wurde auch ich schon von Autofahrern in Situationen gebracht, in denen ich ohne weiteres Tötungsabsicht unterstellen würde.

Mehrfach habe ich solche Sachen zur Anzeige gebracht, ebenso mehrfach verliefen diese Anzeigen im Sand. Eine strafe hat es bisher in keinem Fall gegeben. Sogar in einem Fall, als ein Autofahrer ganz bewusst auf meiner Höhe fahrend das Lenkrad nach rechts riss, um mich von der Fahrbahn abzudrängen – Ich fuhr zu diesem Zeitpunkt etwas über 40km/h! – ließ man mich schon bei der Aussage wissen, das man eher mich für schuldig hielt. Immerhin fuhr ich ja auf der Fahrbahn. Welche im übrigen zwei Streifen je Richtung hatte und neben mir und dem PKW war weit und breit kein anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen.

Und da wundert es dann auch nicht, das sich der Ton zunehmend verschärft. Und so las ich dann demletzt auch einen Artikel, bei dem es um eben diese täglichen Ärgernisse geht, die Angriffe der Autofahrer und die Untätigkeit der Polizei und Ermittlungsbehörden. Und in dem die Wortwahl schon arg grenzwertig war. Verkehrsmittelapartheid, Verkehrsfaschist und ähnliches, das ist schon harter Tobak.

Was die Polizei Münster hier treibt, hat mit Rechtstaatlichkeit nur noch entfernt zu tun, im Gegenteil: Das, was diese Behörde Tag für Tag treibt, ist nichts anderes, als tief verwurzelter institutioneller Rassismus. Nur das eben hier nicht auf Grundlage der Hautfarbe oder Religion diskriminiert wird, sondern auf der Wahl des Verkehrsmittels. Wobei das mit der Wahl so eine Sache ist: Weil in Münster das Fahrrad das Verkehrsmittel der Studenten ist und Studenten meist tatsächlich zu viel Ebbe in der Kasse haben für so etwas überflüssiges wie einen PKW, betreibt die Polizei Münster indirekt ganz klassischen Sozialrassismus.

Und spätestens wenn man solche Artikel liest wird klar, das ein Umdenken im Straßenverkehr dringend geboten ist. Und zwar auf politischer Ebene. Denn nur wenn wirklich alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind, wird der Straßenverkehr für alle Teilnehmer sicher. Und der Ton weit weniger rau.

Was das schnelle Einstellen von Verfahren betrifft, bin ich die Tage über einen dazu passenden Artikel bei ‚Radfahren in Stuttgart‘ gestolpert. In diesem Artikel liest man die Geschichte eines Radlers, der von einem Autofahrer ausgebremst wurde und dies zur Anzeige brachte. Also eine ähnliche Geschichte, wie die vorhin von mir beschriebene. Und was geschieht? Der Staatsanwalt stellt das Verfahren ein, weil der „Unmut des Autofahrer durchaus nachvollziehbar“ war.

Nach Ansicht eines Stuttgarter Staatsanwalts darf er es. Zumindest ist seine Schuld gering. Die Begründung: „… durch dieses Fehlverhalten (der Radfahrenden) sah sich der Beschuldigte, was durchaus nachvollziehbar ist, beeinträchtigt.“ Das Ausbremsen sei zwar Nötigung, die Schuld sei wegen des Fehlverhaltens der Radler jedoch gering. Es ist ja auch nix passiert, heißt es dort mit gesetzteren Worten, also gefährlich war’s auch nicht so.

Watzefack!!!1121einseinsdrölf 😯

Aber Themawechsel, kommen wir zum Schluss noch zu einer recht lustigen Sache. Im letzten Dezember veröffentlichte der Indonesier Bagus BT Saragih in der Jakarta Post einen Artikel, in dem er seine Erlebnisse auf dem Fahrrad in Berlin beschreibt. Interessant ist dabei übrigens, das er die Berliner Radverkehrsinfrastruktur im allgemeinen und die Radwege im speziellen recht gut und angenehm empfindet. Was den Artikel aber besonders nett macht, ist die Übersetzung. Die erfolgte nämlich komplett mit Google Translate und so liest sich die Sache ziemlich holperig und lustig.

Und zu realisieren, dass ich nicht in der Lage sein Rad in Jakarta Erfahrung für den Rest meines Lebens, und überzeugt durch die Tatsache, dass Radfahrer immer klingelte ihre Glocken bei mir jedes Mal, wenn sie von mir auf dem Berliner Bürgersteigen bestanden, habe ich die Entscheidung, einen nehmen Radtour während meines Aufenthaltes in Berlin.

Nun denn, so sieht die Radwege jeder anders. Vielleicht sollte er ja demnächst mal nach Düsseldorf, denn dort wird wohl tatsächlich etwas getan. Die Rede ist dabei von Investitionen in Höhe von 2,5 Millionen Euro. Damit sollen 5 große Radwege gebaut werden. Ich selbst kenne Düsseldorf zwar nur vom kurzen Durchfahren, aber der Artikel bei RP Online liest sich zunächst recht positiv.

Es geht also doch: Viele Jahre lang waren Radwege auf den großen Hauptstraßen in Düsseldorf tabu. Um Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern zu vermeiden, wurden Routen durch die Nebenstraßen gelegt – in denen die Radler dann regelmäßig mit zweite Reihe-Parkern, schlecht angepassten Ampelschaltungen oder Anschlusslücken zu kämpfen hatten. Dann kam die Wehrhahn-Linie, mit ihr ausreichend Platz für Radstreifen auf der Friedrich- und der Elisabethstraße und damit wiederum ein neuer Liebling derjenigen, die mit dem Rad in die City fahren. Diesem Beispiel sollen in diesem Jahr weitere folgen, insgesamt steht für Bau und Planung von Radwegen der Höchstbetrag von 2,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Aber vielleicht liest hier ja ein Einheimischer mit und kann etwas dazu sagen. Ist das wirklich so toll, wie es klingt? Oder doch wieder nur Stückwerk ohne Sinn und Verstand?

Tweet der Woche: Überholmanöver

Allerlei liegengebliebene Links

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

Ein Gedanke zu „Ra(n)dnotizen #78

  1. Die alte Dame interessiert sich für Umweltschutz und Energiesparmaßnahmen und fliegt zum Radfahren rund um den Globus. Da hat jeder mit einer alten Karre, der nicht in den Urlaub fliegt eine deutlich bessere Ökobilanz.

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