Ra(n)dnotizen #84

Fangen wir mit den schlechten Nachrichten an. In Berlin wurde mal wieder ein Radfahrer getötet. Wieder mal bog ein LKW ab, wiedermal fuhr der Fahrer obwohl er nicht alles sah und wieder einmal lag am Ende der Radfahrer tot auf der Straße. Damit wird fast nahtlos an 2016 angeknüpft, wo ganze 17 Radfahrer allein in Berlin getötet wurden.

Wenn man nun aber denkt, es würde sich deshalb etwas ändern, dann irrt man gewaltig. Zwar hat der rot-rot-grüne Senat Kraft seiner Koalitionsvereinbarung versprochen, bis zum März 2017 ein Mobilitätsgesetz auf den Weg zu bringen, das in weiten Teilen das Radgesetz der Initiative Volksentscheid Fahrrad beinhaltet und somit Radfahrer schützen soll. Und der März ist nun vorbei. Einzig die Politik hat nicht geliefert. Grund genug, darüber nachzudenken, ob und wie man auch die Politik haftbar machen kann. Haftbar für die vielen toten Radfahrer. Mit genau diesem Thema befasst sich ein Gastkommentar in der taz.

Wer ist bereit, politische Verantwortung zu übernehmen, wenn Menschen auf der Straße sterben? Der Bundesverkehrsminister, die Landesverkehrsminister-Konferenz, die Autobauer, der Regierende Bürgermeister, der seine Senatoren ernennt, der Verkehrs- oder Innensenator oder Bereichs- und Referatsleiter? Wessen Telefonnummer darf ich nennen, wenn mich die Angehörigen der überfahrenen und getöteten Radfahrerinnen und Radfahrer anrufen?

Nun, Namen werden wir hier wohl keine genannt bekommen. Denn versprechen ist ja das Eine, liefern hingegen etwas ganz anderes. Und so ist auch die auf den toten Radler angeschobene Kontrollaktion der Berliner Polizei auch mehr Schein als Sein. Ja, man will 10 Tage lang abbiegende PKW und LKW kontrollieren, man will in Bussen und LKW schauen, ob Wimpel und ähnliches das Sichtfeld einschränken. Aber letztlich ist das nichts anderes als die regelmäßigen bundesweiten Blitzermarathons.

Am Montag beginnt eine zehntägige stadtweite Schwerpunktaktion der Polizei, mit der der Radverkehr in Berlin sicherer werden soll. „Im gesamten Stadtgebiet wird das Fehlverhalten von abbiegenden Kraftfahrzeugführern gegenüber Radfahrenden überwacht“, teilte das Präsidium am Sonntag mit. […] Bei ihren bevorstehenden Schwerpunktkontrollen will die Polizei auch kontrollieren, ob Lkw- und Busfahrer ihre Sicht „durch Dekorationsartikel wie Wimpel, Bilder oder Gardinen vor den Spiegeln oder Fenstern“ zusätzlich einschränken und das Unfallrisiko noch erhöhen.

Die Autofahrer sind gewarnt, sie verhalten sich ein paar Tage lang vorschriftsmäßig und im Fazit der Polizei wird dann behauptet, es wäre ja alles gar nicht so schlimm. Und obendrein wird man wohl ohnehin wieder mehr auf die Radler schauen, als auf die Autofahrer. Immerhin kann man die viel leichter anhalten und deren Verstöße hinterher gegen die der Autofahrer aufwiegen. Da kann man also gleich nur die Radler kontrollieren. So wie es gerade in Bielefeld läuft. Dort werden 8 Tage lang Radler kontrolliert.

Am kommenden Donnerstag, 30. März 2017, startet das Projekt mit einem Schwerpunkttag zum Thema „Regeltreues Radfahren ist sicherer“, bei dem vor allem das regelkonforme Verhalten von Radfahrern selbst im Mittelpunkt steht. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Beachtung von Lichtsignalanlagen, das Befahren von Radwegen ausschließlich in der zugelassenen Richtung, das Fahren mit angepasster Geschwindigkeit aber auch auf den ordnungsgemäßen Zustand von Fahrrädern gelegt.

Wie man sieht, wird hier schon vorab klargestellt, das sich Radler ja ohnehin an nichts halten und deshalb solche Kontrollen zwingend notwendig sind. Das man dabei wohl auch auf andere Verkehrsteilnehmer achten will, klingt auch nur noch als reine Schutzbehauptung, denn wer hat jemals erlebt, das ein Autofahrer wegen zu dichtem Überholen eines Radlers wirklich zur Kasse gebeten wurde? 😐

Auch ganz witzig in diesem Zusammenhang, die Diskussion um einen Fahrradführerschein. Derzeit gerade mal wieder von zeit.de aufs Tapet gebracht. Manche Leute scheinen nicht zu begreifen, das der Führerschein mit der Gefährlichkeit des Fahrzeuges verbunden ist, so dass man eben fürs Mofa weniger tun muss als fürs Motorrad und mit dem PKW-Schein eben auch noch keinen LKW lenken darf.

Nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC hat sich der Radverkehrsanteil in Berlin, München und Frankfurt innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt. Eine Folge davon ist, dass Probleme, die früher nur Autofahrer hatten, längst auch Radfahrer betreffen. Vom Stau auf dem Radweg über aggressive Kampfradler bis hin zum Mangel an Stellplätzen. Verschärft wird die Situation noch durch E-Bikes, denn mit einem handelsüblichen Pedelec erreichen auch untrainierte Fahrer mühelos Geschwindigkeiten von 25 Kilometer pro Stunde. Dabei es gibt weder Zulassungs- noch Führerscheinpflichten.

Als ob nun ein Fahrradführerschein etwas ändern würde. Außer vielleicht einen massiven Rückgang des Fahrradverkehrs. Denn Autofahrer werden weiterhin zu knapp überholen oder beim Abbiegen den Schulterblick vergessen. Und auch weiterhin hat dann der Autofahrer das gefährlichere Verkehrsmittel. Und das der Radler durch das fehlende Blech um sich herum eine ganz andere optische und akkustische Wahrnehmung hat, wird auch gern vergessen. Denn dies ermöglicht auch ohne steigende Unfallzahlen den Idaho-Stop, der in Deutschland ja noch immer gern als Beispiel für den aggressiven, regelverweigernden Radfahrer dahergenommen wird.

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Ziemlich selten liest man in der Presse Artikel, die sich mit einem recht konfliktbeladenen Teil des Straßenverkehrs auseinandersetzen und dabei wirklich gut die Lage der Radler schildern. Eine der wirklich wenigen Ausnahmen ist da ein Artikel, der demletzt auf shz.de erschienen ist. Im Artikel wird zunächst kurz der Ist-Zustand dargelegt, nach dem Radfahrer auf der Fahrbahn irgendwie nichts zu suchen haben.

Wenn Kraftfahrzeuge heute einen Mofafahrer auf der Fahrbahn überholen, nehmen die Insassen dies als Norm hin, wenn hingegen ein unmotorisierter Verkehrsteilnehmer an der rechten Seitenlinie in ähnlicher Geschwindigkeit sein Dasein fristet, erntet dieser nicht selten wütende Hupkonzerte, aggressive Sicherheitsabstände oder wüste Beschimpfungen des Vorbeifahrenden. Er oder sie darf dort ja auch nicht hin, manchmal selbst dann nicht, wenn auf dem Abschnitt nur alle fünf Minuten mal ein Auto mit Tempo 60 verbeirauscht.

Dazu gibt es dann verständliche Erklärungen zur tatsächlichen Rechtslage. Wann darf man nun wirklich auf der Fahrbahn radeln und wann nicht. Alles in allem ziemlich gut erklärt. Anlass für den Artikel ist der katastrophale Zustand schleswig-holsteinischer Radwege, die weitgehend kaum mehr befahrbar sind. Obendrein gibt es dazu auch eine interaktive Karte, in der man – gültiges Google-Login vorausgesetzt – selbst Radwege eintragen/markieren darf, die unbefahrbar geworden sind.

Noch vor drei Wochen hatte ich das Radwegprogramm der Stadt Wien erwähnt. Und genau dieses Programm steht nun in der Kritik. Und was soll ich sagen, bei der Kritik geht es um das Übliche, das Einzige, das Tolle. Schutzstreifenmalerei.

Kritik gibt es aber an der Radstreifenlösung am Flötzersteig: Mehrzweckstreifen seien bei hohem Kfz-Aufkommen und bei Tempo 50 aus Sicherheits-Sicht „keine akzeptable Lösung“, sagt Roland Romano, der in der Radlobby Österreich für Infrastruktur zuständig ist. Diese Mehrzweckstreifen auf stark befahrenen Straßen seien für Eltern mit Kindern oder ältere Personen nicht geeignet, diese Gruppen würden so von der Benutzung ausgeschlossen.

Da lag ich mit meiner Vermutung, die Straßenmalerei würde sich irgendwann zum echten Dauerbrenner entwickeln, ja nicht so ganz Unrecht. 😉

Tweet der Woche: Fahrradschutzstreifen?

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe.

Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet.

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