Ra(n)dnotizen #86

Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich wurde neben der Planung und dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur auch die gesetzliche Regelung des Straßenverkehrs in Form der StVO komplett den Bedürfnissen des Autoverkehrs angepasst. Zwar gab es auch dort einige wenige Anpassungen an den Fahrradverkehr, aber die waren eher pseudokosmetischer Natur, ähnlich denen in Deutschland.

Der österreichische Verband Radlobby, der sich als Bundesverband der lokalen Radlerverbände sieht, hat nun einen zehn Punkte umfassenden Forderungskatalog veröffentlicht, der dringend notwendige Änderungen der StVO beinhaltet. Diese Forderungen sollen den Radverkehr deutlich sicherer machen und das Verkehrsmittel Fahrrad den motorisierten Verkehrsmitteln ein Stück weit gleichstellen.

Die österreichische Straßenverkehrsordnung (StVO) atmet noch den Geist jener Zeit, in der sie geschaffen wurde: der 1960er-Jahre. Autos schienen noch ein schillerndes Zukunftsversprechen, der Autobesitz stieg rasant an, und das Prinzip der freien Fahrt und der Flüssigkeit des motorisierten Verkehrs prägte die Gesetzwerdungsprozesse. Nun kennen wir schon lange die Schattenseiten des Autoverkehrs, der sich zu einer flächendeckenden Klimagefahr entwickelt hat. Mit der Veränderung der gesellschaftlichen Sicht auf Mobilität und mit dem Klimawandel stieg im 21. Jahrhundert der Adaptionsdruck auf die StVO.

All diese Forderungen kann man so direkt auch auf Deutschland übertragen. Mir persönlich gefällt da ja unter anderem besonders die Sache mit der reduzierten Regelgeschwindigkeit. Okay, in Österreich ist die leichter gefordert, denn in vielen ländlichen Gemeinden gilt heute schon eine Regelgeschwindigkeit von 30 km/h, was – da staunt vermutlich der deutsche Autourlauber jedesmal aufs Neue – sogar komplett ohne Stau funktioniert.

In Italien bleibt es dabei sogar nicht nur bei Forderungen durch Lobbyverbände, dort wird gerade ganz konkret etwas getan. In Rom wurde gerade ein Gesetzesentwurf vorgelegt, der derzeit von der Kommission für öffentliche Arbeiten im Senat geprüft wird. Noch vor dem Sommer könnte er abschließend behandelt bzw. verabschiedet werden.

Im neuen Gesetzentwurf soll das Überholen von Fahrrädern mit einem seitlichen Abstand von weniger als eineinhalb Metern verboten werden. Bei Übertretung sind saftige Strafen in der Höhe von 163 bis 651 Euro vorgesehen. Zu dem kann der Führerschein einen bis drei Monate lang entzogen werden. Falls es sich um einen Führerscheinneuling handelt, werden daraus sechs Monate.

Aber neben Änderungen auf rechtlicher Seite muss zwingend auch das Autofahren selbst reduziert werden. Jetzt in den Tagen nach dem Mannheimer Kongress liest man ja immer öfter entsprechende Forderung. Was bisher eher auf Seiten der Radfahrer zu hören war, kommt jetzt immer mehr auch durch die Presse und damit in den Fokus der Öffentlichkeit.

Was mal wieder in Berlin begann, die Forderung nach Parkraumverteuerung als effektives Mittel der innerstädtischen Autoreduzierung, wird jetzt auch in anderen Städten thematisiert. So findet sich in der Süddeutschen Zeitung ein Kommentar, der genau in diese Richtung zielt. Zwangsmaßnahmen als Mittel der Reduzierung, da Freiwilligkeit heutzutage kaum zu erwarten sei.

Als ob es noch eines weiteren Beleges bedurft hätte, so zeigen die neuen Kfz-Zulassungszahlen aus München eindrucksvoll eines: Der Verkehrswahnsinn in dieser Stadt wird nur mit Zwangsmaßnahmen in den Griff zu bekommen sein. Diese sollten schnell kommen und sie dürfen gerne drastisch ausfallen. Andernfalls wird sich die absurde Entwicklung fortsetzen, dass viele Menschen in München zwar ständig über verstopfte Straßen und tägliche Staus schimpfen – dass mitunter dieselben Menschen sich aber jeden Tag mit großer Selbstverständlichkeit in ihr Auto setzen und dazu beitragen, Staus zu erzeugen und Straßen zu verstopfen.

Es bleibt zu hoffen, das sich derartige Kommentare häufen, schon allein um die Diskussion immer weiter in die Öffentlichkeit zu tragen und somit auch politische Entscheider zur Außeinandersetzung mit diesem Thema zu zwingen. Na ja, und ein wenig Popcornpotenzial ist ja auch dabei, wenn wieder reichlich Tränen in den Kommentarspalten der Tageszeitungen fließen… 😉

Und wer jetzt schon vorhersehbare Diskussionen in Kommentarspalten lesen mag, der sollte mal beim Tagesspiegel vorbeischauen. Dort findet sich ein Artikel, der sich mit der Auswertung der jüngsten Kontrollen der Berliner Polizei befasst. Ich schrieb ja letzte Woche erst davon. Erstaunlicherweise wurden dabei diesmal nicht nur – wie sonst üblich – die Radfahrer herausgepickt, sondern konsequent auch Autofahrer zur Kasse gebeten.

In der zweiten Woche folgten gezielte Verkehrskontrollen, bei denen Regelverstöße auch geahndet wurden. Insgesamt seien 2224 Kraftfahrende angehalten worden, teilte die Polizei mit. In 1947 Fällen seien Anzeigen wegen Verkehrsordnungswidrigkeiten geschrieben worden. Neben 351 Abbiegeverstößen und 291 Rotlichtmissachtungen wurden auch verbotene Handynutzung, Missachtung der Gurtpflicht und weitere Verstöße angezeigt. Auch 1151 Radfahrer erhielten Anzeigen wegen Fahrens bei rotem Ampellicht (748 Mal) oder auf Gehwegen (299 Anzeigen) angehaltenen.

Das sind recht interessante Zahlen, denn mit einem hätte ich eher nicht gerechnet: Mit dieser doch sehr hohen Zahl Rotlichtverstöße unter den Autofahrern. Denn nicht nur, dass Autofahrer den Rotlichtverstoß gern allen Radfahrern unterstellen, sie sprechen sich und ihre Verkehrsmittelgenossen ja ganz gern komplett von dieser Sünde frei.

Die Kommentare sprechen dann ebenfalls für sich. Nicht nur, das es hier eben um Zahlen geht, die jede Menge Interpretationsspielraum lassen, so dass quasi jeder irgendetwas Gutes für sich und seine Sache herauslesen kann, es geht komplett unter, das wirklich jeder dieser Verstöße absolut unnötig und eben falsch ist. Funfact: Ein Kommentator meint, das man die Zahlen ohnehin nicht vergleichen kann, denn bspw. beinhalten sie ja auch Verstöße gegen die Gurtpflicht, die ein Radfahrer mangels Gurt gar nicht erst begehen kann. Da muss man ja auch erstmal drauf kommen. 😀

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Eine ziemlich spannende Geschichte habe ich dann noch bei swissinfo.ch gefunden. Dem Artikel zufolge wurde vor 125 Jahren in der Schweizer Armee eine Fahrradtruppe gegründet. Dabei mussten die radelnden Soldaten Anfangs noch ihr eigenes Velo mit zum Dienst bringen, während dann später die Fahrräder durch das Militär gestellt wurden. Und was hierzugegend vermutlich eher belächelt würde, hatte in der Schweiz durchaus Gewicht, die radelnden Soldaten galten – bis zu ihrer Abschaffung im Jahr 2003 – durchaus als wichtige Truppenteile.

Wie die Kavallerie galten die Radfahrer als Eliteeinheit. Mehrere von ihnen schafften es bis in den Generalsrang, einer wurde sogar Bundesrat: Finanz- und Ex-Verteidigungsminister Ueli Maurer befehligte bis 1994 ein Radfahrer-Bataillon.

Und das, wo es in der Schweiz ja tendenziell eher weniger flachlandig ist. Da war die Radlerei mit 22kg schweren Rädern und wohl sicher auch allerlei Ausrüstung und Bewaffnung bestimmt kein Zuckerschlecken.

Tweet der Woche: Zu früh im Büro

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Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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