Ra(n)dnotizen #89

Beginnen wir gleich mal mit einer Leseempfehlung, und zwar einer dringenden. Wie so oft bei Radverkehrspolitik.de handelt es sich dabei um jede Menge Buchstaben, man muss also etwas Zeit mitbringen, die es sich aber durchaus zu investieren lohnt. Dabei geht es um eine Buchbesprechung. Wait, what?! Ja, eine Buchbesprechung. Das Buch um das es dabei geht wurde von keinem geringeren als Wolf Wegener verfasst, dem langjährigen Vorsitzenden des ADAC Berlin/Brandenburg.

Das Buch mit dem Titel „Deutschland schafft das Auto ab“ will dabei nach Aussage des Autors mit „Vorurteilen gegen und Fehlinformationen über das Automobil“ aufräumen, will „vor einem ideologisch geführten Kampf gegen die Mobilität, der nicht zuletzt die Freiheit der Menschen einschränkt und die Kraft der deutschen Wirtschaft unterminiert“ warnen. Nun, dieses Vorhaben ist durch eine ziemlich beschränkte Sichtweise geprägt und wird im Artikel ganz genüßlich auseinandergenommen.

Wegeners Argumentation ist leider so ermüdend, dass nur sein Schreibstil das Buch zu retten vermag. Wenn Wegener argumentiert, kreiert er einen Mikrokosmos, in dem es nur das Auto, den durchschnittlichen Autofahrer und eine Reihe böser Einflüsse auf die beiden Protagonisten gibt. Interaktionen zu anderen Verkehrsteilnehmern, anderen argumentativen Sichtweisen oder gar Zusammenhänge, die über diesen Mikrokosmos hinausgehen, sind dem Autor vollkommen fremd. Es gibt nur ihn, sein Auto und die böse Umwelt, die ihm sein Auto wegnehmen möchte.

Auch ein Blick in die Kommentare, die in diesem Fall in beinahe ähnlich epischer Breite formuliert sind wie der Artikel selbst, ist lohnenswert. Kommt doch schon gleich beim ersten davon jemand unter seinem Stein hervor gekrochen, der sich (Oder sein Automobil?) persönlich angegriffen fühlt.

Und dann habe ich gleich noch eine weitere Leseempfehlung. In der Berliner Zeitung findet man ein Interview mit Christian Storbeck, der in Berlin mit dem Lastenrad im Jahr mal eben so um die 25.000 Kilometer zurücklegt. Er erzählt in diesem Interview ganz entspannt wie er selbst – als Kind der Generation Automobil – vom PKW zum Fahrrad wechselte und nach und nach das Auto komplett aus seinem Leben verschwand. Dabei handelt es sich eigentlich weniger um ein Interview, vielmehr werden Stichworte gegeben, zu denen er dann antwortet.

Freiheit geschenkt: „Niemanden wird etwas genommen, wenn die Radfahrer in Berlin den Platz erhalten, der ihnen zusteht. Im Gegenteil: Die Berliner bekommen etwas geschenkt. Nämlich die Freiheit, ihr Leben zu bestimmen, wenn es um Mobilität geht. Wir wollen, dass die Berliner endlich wählen können, wie sie und ihre Kinder sich fortbewegen. Auch ich will die Hauptstraßen nicht begrünen. Aber ich will, dass man angstfrei entscheiden kann, welches Verkehrsmittel man sich aussucht.“

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Weiter geht es mit einem Thema, das in der letzten Zeit immer mal wieder in die Medien kommt und von dem ich – zum Glück nur am Rande – kürzlich erst selbst betroffen war: Autofahrer, die in Radrennen hineingeraten und dann Unfälle bauen. Und so ist es am letzten Wochenende mal wieder zu einem schweren Unfall gekommen, diesmal beim Einzelzeitfahren in Pattensen-Reden.

Der Unfall ereignete sich gegen 12.30 Uhr. Ein 68-Jähriger aus Eckernförde (Schleswig-Holstein) kam nach Polizeiangaben aus Koldingen und fuhr auf der Landstraße, das ist die Ortsdurchfahrt, durch Reden. Kurz vor der Kurve mit der Pattenser Straße (K223) hielt ihn ein Verkehrslotse an und machte ihn auf das Rennen aufmerksam. Er sollte nach rechts auf die Redener Straße (K224) in Richtung Harkenbleck abbiegen. Der 68-Jährige bog mit seinem Audi TT aber nach links auf die Pattenser Straße ab, wo er schon nach etwa 100 Metern mit den Radfahrern zusammenstieß.

Ähnliches ereignete sich ja vor gar nicht allzu langer Zeit in Berlin-Wannsee, als ebenfalls die Anweisungen der Ordner falsch umgesetzt wurden. Da fragt man sich allmählich, warum es nur auf den „ganz großen“ Veranstaltungen möglich ist, die Strecken einfach komplett zu sperren. Damit könnte man solcherlei Unfälle nämlich ganz einfach vermeiden.

Das Ereignis bei dem ich selbst dabei war, war der Spreewaldmarathon im April. Dort ist es nach Aussage des Veranstalters ebenfalls sehr problematisch, umfassende Streckensperrungen hinzubekommen. Man überlege sich mal: Da kommen schon zum 15. Mal mehrere tausend Sportler in die Region, was ja eine nicht zu verachtende Größe auch für den Tourismus ist, und dennoch tun sich Ämter, Behörden und vor allem Entscheidungsträger schwer damit, ein solches Event auch mit entsprechenden Freiheiten zu unterstützen.

Da wir in der Organisation des Spreewaldmarathons immer auf die Sichtweise und das Wohlwollen der Ämter, Institutionen und einzelner Personen angewiesen sind, sind solche Auflagen leider nicht auszuschließen. Wir bitten alle Sportler sehr um Ihr Verständnis! Wir wünschen uns auch keinen Streit mit den Ämtern. Nur haben einige an verantwortlichen Positionen sitzende Personen in der Region immer noch nicht erkannt, was der Spreewaldmarathon für die Region leistet. Eine Gegenleistung der Hotels, der Gewerbetreibenden und teilweise der Politik für unsere Veranstaltung können wir nur schwer erkennen.

Für uns bedeutete das, dass auf einer sehr schmalen Straße, wir waren gerade mit einer Gruppe von ca. 40 Radfahrern unterwegs, ein PKW mit enorm hoher Geschwindigkeit an uns vorbei raste, dabei einen Fahrer fast vom Rad holte und dann nur wenige Zentimeter vor den Führungsfahrern wieder einscherte. Da hätte nur ein kleiner Fahrfehler gereicht und es hätte gleich mehrere Tote gegeben. Weil es in Autodeutschland nicht möglich ist, für solche Veranstaltungen einfach mal einen Tag die Straßen dicht zu machen. 🙁

A pro pos Unfälle. In Amerika wurde jüngst eine Studie veröffentlicht, die zu dem Schluß kommt, das baulich von der Fahrbahn getrennte Radverkehrsanlagen „entscheidend“ dafür sind, um die überdurchschnittlich hohen Radfahrerverletzungsraten in den USA zu reduzieren.

A new study published in the American Journal of Public Health has concluded that physical separation from motor traffic is “crucial” to reducing the higher than average cyclist injury rates seen across the U.S.

Ach nee? Da hätte man wohl einfach mal in den Niederlanden oder Dänemark nachfragen sollen, dann hätte man sich die Studie auch schenken können. Allerdings gab die Studie gleich noch eine weitere Auskunft. Die klassisch zu großen Teilen übergewichtige amerikanische Bevölkerung setzt sich bei Vorhandensein brauchbarer Radverkehrsanlagen auch eher mal aufs Rad und tut so etwas für die körperliche Fitness.

More and better bicycle infrastructure and safer cycling would encourage Americans to make more of their daily trips by bicycle and, thus, help raise the currently low physical activity levels of the US population.”

Na wenn das mal nichts ist. 🙂

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Abschließend gibt es mal wieder ein Kickstarterprojekt und mal wieder will jemand das Rad komplett neu erfinden. Und wie üblich darf man skeptisch sein, denn die Idee um die es diesmal geht, hatten ja andere schon vorher, ebenfalls auf Kickstarter.

Dabei geht es – eben mal wieder – um ein Fahrrad ohne Kette oder ähnliches, bei dem dann also Kettenfett am Hosenbein Geschichte sein soll. Ich selbst habe da ja so meine Zweifel, denn die Lage des Antriebes direkt am Hinterrad zwingt dazu, nach hinten zu treten. Der Entwickler meint, das würde dem Gehen ähneln und wäre deshalb bequem, das jedoch vermag ich kaum zu glauben.

Ansonsten ist alles zeitgemäß, selbst eine Faltfunktion ist dabei, damit man das Rad schnell ins Auto laden kann. Obwohl man ja bei so einem Bike eher davon ausgehen würde, das damit in der Großstadt lebende Leute angesprochen werden sollen, die sich kein Auto anschaffen, aber trotzdem gut – ohne Kettenfett am Hosenbein[sic!] – ins Büro kommen wollen. Aber wie dem auch sei, zum aktuellen Zeitpunkt ist die Finanzierung ohnehin noch weit entfernt, es ist also sowieso unklar ob wir so ein Ding je auf unseren Straßen sehen werden.

Vermutlich erleidet dieses Bike das gleiche Schicksal wie das Bicymple, welches wie oben schon erwähnt, ebenfalls via Kickstarter finanziert wurde. Abgesehen davon, das es keine Faltfunktion hat, ist es vom Konzept her genau das Gleiche. Zwei bewegliche Räder, eines davon direkt angetrieben, getreten wird nach unten hinten. Durchgesetzt hat es sich jedenfalls nicht, aber der Vollständigkeit halber bzw. für den direkten Vergleich, hier noch das Video zum Bicymple.

Tweet der Woche: Das Ende einer Fahrradstraße

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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