Ra(n)dnotizen #93

Bewegung an frischer Luft, das ist für viele Menschen der Antrieb, sich aufs Fahrrad zu setzen. Das die Luft oftmals aber gar nicht so sehr frisch ist, weiß jeder der in der Großstadt unterwegs ist. Kilometerlange Staus, tauende Autos die mit laufendem Motor in den Straßen stehen, da kann ja auch kaum saubere Luft aufkommen.

Und um am Beispiel Berlin mal ein wenig abzuschweifen: Oft, oder sogar zum größten Teil, sind es die Pendler, die da in Stau stehen und die Luft in der Stadt verpesten. Aufs Land sind sie übrigens recht oft der frischen Luft wegen gezogen. Aber das ist wiederum eine ganz andere Sache. Also zurück zum Fahrrad selbst. Bei Utopia.de bin ich da über eine Sache gestolpert, die sich zunächst nach jeder Menge Budenzauber anhört.

Der Niederländer Daan Roosegaarde hat das „Smog Free Bike“ entwickelt, bei dem verschmutzte Luft erst gereinigt und dann dem Fahrer zugeführt wird. Also sozusagen ein Orgonit fürs Fahrrad. 😆

Das „Smog Free Bike“ sieht eigentlich aus wie ein ganz gewöhnliches Fahrrad – außer dass am Lenker ein rechteckiger Kasten hängt. Der Kasten ist das jedoch das eigentlich Wichtige an diesem Rad, denn er soll die Luft von Smog und Feinstaub befreien.

Das funktioniert über Kupferspulen im Inneren der Vorrichtung. Der Kasten saugt beim Fahrradfahren die verschmutzte Stadtluft ein. Die Kupferspulen laden Feinstaub aus der Luft elektrisch auf, anschließend wird der Staub mithilfe von Filtern gebunden. Am Schluss stoßt der „Smog-Staubsauger“ die gereinigte Luft wieder aus.

Ähh, ja. Das klingt in der Tat recht fragwürdig und ein wenig nach Verschwörungstheorie. Und es ist nur die Behandlung der Symptome. Einfacher und vor allem besser für alle wäre es doch, einfach den Feinstaub auf null zu senken. Aber stop, da müsste man sich ja gegen die Industrie und allerlei Lobbyorganisationen durchsetzen. Und das macht mehr Streß, als Orgoniten gegen Chemtrails. 😉

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Erst neulich hatte ich ja hier in den Radnotizen die Geschichte, bei der ein kleines Mädchen absichtlich mit dem Auto abgedrängt und dabei schwer verletzt wurde. Das war ja nun beileibe kein Einzelfall, zeigte aber in besonderem Maße, wie mehr und mehr das Faustrecht gilt. Und so gab es dann erst jüngst wieder einen Fall, bei dem dann tatsächlich zugeschlagen wurde.

Ein Mann fuhr mit seinem Sohn Fahrrad, wobei der Sohn auf dem Radweg und der Vater auf der parallel verlaufenden Fahrbahn unterwegs war. Ein Autofahrer fühlte sich nun davon belästigt und pöbelte schon im Vobeifahren „verbal aggressiv“ durch die geöffnete Seitenscheibe.

Anschließend überholte er die beiden und hielt schließlich vor Vater und Sohn am rechten Fahrbahnrand. Der Mann stieg d aus seinem Volvo und forderte den 34-Jährigen nochmals auf, auf dem Radweg zu fahren. Danach schlug er dem Vater ohne Vorwarnung mit der rechten Faust ins Gesicht. Dabei wurde der Radfahrer leicht verletzt.

Zum Glück kam derweil ein Polizeischüler dort vorbei und konnte die Sache zunächst befrieden. Das der Autofahrer trotzdem das Weite suchte, ist dann allerdings gleich die nächste Frechheit. Da hoffe ich mal, das ein Richter dieses Verhalten und die daraus resultierende psychologische Nichteignung zum Führen eines Kraftfahrzeuges entsprechend würdigt.

Ähnlich aggressiv ging es derweil auch bei Facebook zu. Okay, bei Facebook ist das jetzt nichts wirklich ungewöhnliches, aber in diesem Fall ging es zuweilen echt unter übelstes Niveau. Der Radsportler Michael Gogl hatte au seiner Facebookseite zu mehr gegenseitiger Rücksichtnahme zwischen Autofahrern und Radlern aufgefordert. Also im Grunde nur das unterstrichen, was man eigentlich erwarten können sollte.

Was dann folgte, kann jeder gern selbst in den deutlich über 400 KOmmentaren nachlesen. Nur soviel sei gesagt, es ging bis hin zu Todeswünschen. Das Ganze veranlasste Michael Gogl dann, nochmal ein kurzes Statement nachzulegen. Und zwar ein Statement, das durchaus auch ich selbst geschrieben haben könnte.

Kurz gesagt: So isses! 🙂

Beinahe Shitstormverdächtig war ja, wo wir schonmal beim Thema Facebook sind, auch die Aussage, die ich letzte Woche in den Raum gestellt habe. Und zwar die, das Rückspiegel am Fahrrad die Pest sind. Hach, was haben sich da einige Leute ganz fürchterlich aufgeregt und mir quasi das Recht abgesprochen, solche Dinger für gefährlich und vor allem unnötig zu halten. Was mich jedoch weniger juckt, denn wer nur die eigene Meinung als einzig zugelassene ansieht und andere, insbesondere mal klar ablehnende Meinungen als unzulässig deklariert und dann gern auch noch beleidigend wird, kann gern mal mit der Wand sprechen. Also mit irgendeiner Wand. Brückenwand, Autobahn, Innenseite. 😉

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Gesetzeshüter auf dem Fahrrad sind ja nichts wirklich neues, wenngleich man sie auch sehr selten sieht. Hier in Berlin gibt es eine Fahrradstaffel, von deren Existenz nur die wenigsten Leute wissen, eben weil die sich besser verstecken können als Mitarbeiter in einem Baumarkt. Ob das in Essen auch so sein wird?

Dort wurden jetzt nämlich ein paar Pedelecs angeschafft, damit die Polizei auch auf dem RS1 und anderen Radwegen für Ordnung und Sicherheit sorgen kann. So berichtete jüngst die WAZ darüber, natürlich nicht ohne als erstes auf Rüpelradler einzugehen. Als würde es Hauptaufgabe der Radstreifen sein, gegen andere Radler vorzugehen.

Die Essener Polizei will mit neuen Fahrrad-Streifen den Radschnellweg und andere Radtrassen, die auch von Fußgängern benutzt werden, regelmäßig überwachen. Sie geht nicht nur gegen rücksichtslose Radler vor, die Passanten gefährden, sondern auch gegen Falschparker, die Fahrradstreifen blockieren sowie gegen Hundehalter, die gegen die Anleinpflicht verstoßen und damit das Unfallrisiko erhöhen. Der Verkehrsdienst der Polizei ist auf dem Sattel bald auch schneller. Die Beamten bekommen vier elektrobetriebene Pedelecs für 14.000 Euro, damit ihnen ertappte Verkehrssünder nicht einfach davonradeln können.

Hoffen wir einfach mal, das dieses Projekt zur Abwechslung gut läuft und die radelnden Polizisten tatsächlich die Sicherheit auf dem RS1 erhöhen. So wie man es sich auch in Wien erhoffte, wo künftig ebenfalls Fahrradstreifen zum Einsatz kommen sollen. Dort wird von derzeit 38 bis zum Oktober auf 100 Beamte aufgerüstet. Besonders interessant ist dabei die Ausbildung der Fahrradpolizisten.

Um Fahrrad-Polizist zu werden, reicht es nicht, gerne in der Freizeit zu radeln. Die zwölf Polizisten, die an dem Kurs auf der Donauinsel teilnehmen, müssen verschiedene Tricks beherrschen. Das Training wird daher von echten Könnern geleitet, wie dem mehrfachen Mountainbike Europameister Martin Gruber. Warum Gelände-Training in der Stadt wichtig ist, kann der Profi einfach erklären: „Wenn man Verdächtige verfolgt, muss man dabei oft über Hindernisse springen oder Stufen überwinden. Das ist dem Mountainbiking sehr ähnlich.“

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Dann scheint es mal wieder so, als könnte Berlin zwar eine gute Idee gehabt haben, aber dann kommt eine andere Stadt und macht es einfach. In diesem Fall Köln. Denn zwar hat der Berliner Senat ganz großspurig angekündigt, auf der Frankfurter Allee eine Spur für den Kzf-Verkehr zu sperren um sie dann dem Radverkehr zu geben, aber dieses Pilotprojekt kommt nicht wirklich in die Gänge.

Mal abgesehen davon, dass es Unfug ist, nur stadtauswärts und dann auch nur auf einem kurzen Abschnitt zu testen. Denn Pendler müssen die komplette Frankfurter Allee entlang und früh vor allem auf in die Stadt reinkommen. Wie dem auch sei, jetzt will man in Köln ähnliches probieren.

Zusammen mit der Initiative Ringfrei und dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) wurde ein Pilotprojekt definiert. Dieser beinhalte veränderte Parkregelung und Wegfall einer Autospur. Auf ihr sollen auch nahezu alle Aspekte des 10-Punkte-Plans der Ringfrei-Initiative in einem Modellgebiet (auf dem Hohenstaufenring zwischen Zülpicher Platz und Lindenstraße) umgesetzt werden, sagt die Stadt. Diese Idee wurde in den vergangenen Monaten bei sechs Arbeitstreffen in einem gemeinsamen Prozess zwischen Ringfrei, ADFC und der Stadt Köln entwickelt.

Aber nicht das jetzt jemand denkt, das ginge sofort los. Erst nach der Sommerpause soll den politischen Gremien eine das Projekt erklärende Vorlage zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt werden. Also hat Berlin ja irgendwie doch noch eine Chance, hier schneller zu sein. 😉

Währenddessen hört man bei einem Kommentar im Kölner Stadtanzeiger ganz andere Töne. Stillstand bei der Stadtverwaltung, kein erkennbarer Fortschritt im Radverkehr und jede Menge Frust. Dem Kommentar zufolge hat sogar das Aktionsbündnis Ringfrei die Zusammenarbeit aufgekündigt oder dies zumindest vor.

In Hamburg klopft sich derweil Rot-Grün auf die Schulter und sieht die Stadt auf dem besten Wege zur Fahrradstadt:

Der beispiellose Umbau großer Teile des Straßensystems hat begonnen. Und er zeigt erste Fortschritte, so jedenfalls lautet die Zwischenbilanz von Tjarks und des SPD-Verkehrsexperten Lars Pochnicht. Im Jahr 2016 habe die Stadt 45 Kilometer „Radverkehrsanlagen“ neu geschaffen, ein Drittel mehr Zubau als im Jahr zuvor. „Wir sind auf einem sehr guten Weg“, urteilte der Grünenchef, kündigte aber an, das Tempo weiter zu erhöhen. „Jetzt geht’s erst richtig los. 2017 werden wir unser Ziel von 50 Kilometern neuer Radwege im Jahr deutlich übertreffen.“

Ob nun wirklich von einem „beispiellosen Umbau“ die Rede sein kann, das mögen Hamburger besser beurteilen können als ich und im Grunde sind 45 Kilometer neuer Radwege jede Menge Holz. Die Frage ist dabei nur, ob es sich auch wirklich um bauliche Maßnahmen handelt, oder ob da nicht wieder die übliche Straßenmalerei mit reingerechnet wurde. Damit schafft man das ja ganz fix und auch die für 2017 angepeilten 50 und mehr Kilometer wären drin.

Aber eben nur auf dem Papier, denn ein paar Farbkleckse machen ja noch lange keinen Radweg. Und tatsächlich, ein Blick auf Welt.de lässt einen Schatten über dem Radlerparadies Hamburg aufziehen. Bei den 45 Kilometern „neuer Radwege“ sind gleich 18,4 Kilometer nur gepinselt.

Aus einer Anfrage der Grünen an den Senat geht hervor, dass Radfahrstreifen auf der Straße den größten Teil der neuen Wege ausmachen: Insgesamt wurden im vergangenen Jahr auf 18,4 Kilometern die entsprechenden Markierungen auf die Straßen gepinselt.

Wobei man natürlich bei aller Meckerei immer wieder eins betonen muss: Auch wenn es nicht viel taugt, wichtig ist doch, das überhaupt endlich mal etwas getan wird. Und wenn die CDU die Verkehrspolitik des Hamburger Senats als „gescheitert“ bezeichnet, dann ist er zumindest auf dem richtigen Weg. 🙂

Tweet der Woche: Ruhiges Radeln auf dem Lande

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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