Ra(n)dnotizen #94

200 Jahre Fahrrad. In der letzten Woche war es nun soweit. Am 12.06. jährte sich die erste öffentliche Fahrt des Karl Drais in Mannheim zum 200. Mal. Rund um dieses Jubiläum gab und gibt es allerlei Veranstaltungen, in denen der Siegeszug des Fahrrades gefeiert wird. Und als würde plötzlich auch die Hölle einfrieren, legt ausgerechnet der ADAC, oberster Beschützer des mobilen Individualverkehrs, eine 180° Wende hin. Und erklärt, das eine bessere Radverkehrsinfrastruktur mit deutlich mehr Raum für Radler auch den Kfz-Verkehr beschleunigen kann.

Nun scheint sich eine überraschende Kehrtwende abzuzeichnen. Ausgerechnet der ADAC argumentiert plötzlich für mehr Fahrradstreifen auf den Straßen. Während Autofahrer in vielen Städten ungehalten auf den zunehmenden Radverkehr auf den Straßen reagieren und die mit gestrichelten weißen Linien abgetrennten Fahrradstreifen immer wieder zum Zankapfel der Lokalpolitik werden, kommt Deutschlands größter Automobilclub mit 19 Millionen Mitgliedern zu der überraschenden Feststellung: „Neue Radwege oder Fahrradstreifen bremsen Autofahrer gar nicht aus.“

Allerdings kann und sollte man in besagtem Artikel im ADAC-Blog auch ein wenig zwischen den Zeilen lesen. Dort werden zwar tatsächlich die erwähnten Studien erläutert, die bei Vorhandensein von Fahrradspuren eine Beschleunigung im Kfz-Verkehr belegen, aber abgeben will man – auch wenn die Studien auch davon sprechen – nicht so gern:

Aus unserer Sicht sind bei einer Neuordnung des Straßenraums die unterschiedlichen Interessen sorgfältig abzuwägen. Radfahrstreifen sind grundsätzlich eine Alternative zu Bordsteinradwegen, sofern die Straßenquerschnitte ausreichend breite Fahrspuren für Autofahrer und Radfahrer zulassen. Die Anlage von Radfahrstreifen auf Kosten von Kfz-Fahrspuren auf Hauptverkehrsstraßen ist dagegen nur dann vertretbar, wenn eine Verkehrsverlagerung in sensible Wohngebiete weitgehend ausgeschlossen werden kann.

Analog zu den Feststellungen des ADAC, dass mehr Platz für Radler auch den Autoverkehr zu beschleunigen in der Lage ist, hört man auch weiterhin allenorten den Ruf nach diesem Mehr an Platz. So titelte die taz jüngst, im Rahmen des 200. Fahrradgeburtstages, „Macht Platz für das Auto von morgen!„. Das Auto von morgen wird das Fahrrad zwar noch nicht, sein, aber tatsächlich vielleicht das von übermorgen. Denn die im Artikel beschriebenen Platzprobleme sind in dieser Form ja eher die Ausnahme:

Wer in Fahrradstädten, wie Berlin oder Münster, an eine rote Ampel heranrollt, an der schon Dutzende Radler und Radlerinnen stehen, muss sich hinten anstellen: Vorbeidrängeln wäre so asozial wie das Überholen auf der Standspur bei einem Autobahnstau. Und weil es so viele gibt, die vor einem stehen, erleben Radler, was sie bislang nur vom Autofahren kennen: Es kann sein, dass eine Grünphase nicht reicht, um über die Kreuzung zu kommen.

Ganz anders sieht es da bspw. in Kopenhagen aus. Die „Weltfahrradhauptstadt“ hat inzwischen soviel Radverkehr, das es tatsächlich immer öfter zu Stau kommt. Nachdem die Stadt fast komplett im Sinne der Radfahrer umgebaut wurde und man im Jahr 2016 mehr Fahrräder als Autos zählen konnte, kommt nun auch die hervorragende Radverkehrsinfrastruktur an ihre Grenzen.

Nur, jetzt radeln dermaßen viele Menschen durch Kopenhagen, dass sie sich gegenseitig im Weg sind. Zur Hauptverkehrszeit schieben sie sich oft Reifen an Reifen durch die Innenstadt, ein zwei- bis dreispuriger Strom, wie auf der Autobahn. Wenn dabei einer zu langsam fährt und ein anderer unüberlegt ausschert, dann staut es sich. An manchen Kreuzungen stehen die Radfahrer Schlange, nur um über die Ampel zu kommen. Da dauert es mehrere Grünphasen, bis es weitergeht.

Das sieht nach einer echten Herausforderung aus. Aber eine Stadt die den Mut hat, ganz konsequent auf das Fahrrad zu setzen, wird auch hier eine Lösung finden, da bin ich mir sicher. Und für Taten ist Kopenhagen ja bekannt. Ganz anders als Berlin, wo es noch immer bei vollmundigen Versprechungen bleibt.

Wir erinnern uns, der rot-rot-grüne Senat hat sich in die Koalitionsvereinbarung geschrieben, das im Frühjahr 2017 ein Radgesetz resp. Mobilitätsgesetz an den Start geht. Das ging schon in die Hose und so hat man im Frühjahr zusammen mit der Initiative Volksentscheid Fahrrad ein Radgesetz formuliert, das bis Ende Juni rechtlich geprüft als Referentenentwurf in die Ausschüsse sollte, damit es noch vor der Sommerpause verabschiedet werden kann. Nun ratet mal, was selbstverständlich nicht geklappt hat. 🙄

Und so haben sich dann sowohl die Initiative als auch der ADFC vollkommen zu Recht darüber beschwert, das Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für die Grünen im Senat) trotz anderslautender Versprechungen noch immer nichts vorgelegt hat.

Günther wehrte sich am Sonntag gegen die Kritik und verwies auf geplante Investitionen des Senats in den Radverkehr. „Wir werden in dieser Legislaturperiode 200 Millionen Euro bereitstellen und wir stellen hier in der Verwaltung zehn Mitarbeiter ein und zwei pro Bezirk“, sagte die Senatorin dem Sender 105’5 Spreeradio. Die Mehrheit der Berliner unterstütze laut Umfragen die Verkehrspolitik der Regierung. „70 Prozent sagen, das ist genau das, was wir brauchen.“

Na ja, 200 Millionen Euro bereitstellen ist die eine Sache, die Projekte, die damit finanziert sollen, auch tatsächlich umzusetzen eine andere. Und genau diese andere Sache läuft in Berlin so überhaupt nicht. In Potsdam ist man da weiter, denn während in Berlin bspw. noch immer nur angedacht ist, mal zur Probe eine Fahrspur der Frankfurter Allee zur Radspur zu machen, werden auf der Potsdamer Zeppelinstraße Tatsachen geschaffen. Die Einengung der Straße zugunsten der Radfahrer ist jetzt da und prompt geht natürlich auch das Gejammer los.

Ganz offenbar haben die Autofahrer begriffen, das sie selbst es sind, die den Stau machen, aber man sollte kaum denken, das mal jemand einfach umsattelt. Gerade jetzt im Sommer kommt man bspw. ganz hervorragend mit dem Fahrrad von Werder oder Geltow nach Potsdam rein. Man muss es eben nur tun. Aber nein, stattdessen wird Stau gespielt und gepoltert.

Die Verengung der Zeppelinstraße in Potsdam hat massive Folgen für das Umland. Seit Anfang der Woche kommt es speziell in Spitzenzeiten des Berufsverkehrs zu kilometerlangen Staus auf der B 1 bis nach Geltow und Werder hinein. Die ohnehin schon angespannte Lage hat sich also schon während der Markierungsarbeiten für den Modellversuch verschärft. Werder und Schwielowsee fühlen sich vor den Kopf gestoßen. […] Bürgermeisterin Kerstin Hoppe (CDU) bezeichnet dies als große Gefahr: „Wir befürchten, dass es zu einer Eskalation im Berufsverkehr kommt“, erklärt Hoppe. Sie wirft der Landeshauptstadt vor, nur sich selbst zu sehen. „Es ist schade, dass unsere Hinweise und Appelle ignoriert worden sind. Wir haben, um dem vorzubeugen, viel in der Arbeitsgruppe Verkehr mitgewirkt“, so die Gemeindechefin.

Ziemlich witzig in dem Zusammenhang ist ja, das die Stadt Potsdam schon im Vorfeld ganz richtig festgestellt hat, das die Staus vornehmlich durch Pendler erzeugt werden. Das gehöre aber zum Leben dazu, meint nun Frau Hoppe. Und vergisst dabei, das es ja in den betreffenden Gemeinden eine ganz hervorragende ÖPNV-Anbindung und obendrein noch recht brauchbare Radwege gibt.

Man stelle sich nur vor, es würden lediglich diejenigen das Auto nutzen, die auch tatsächlich darauf angewiesen sind. Und damit meine ich keine gefühlte Angewiesenheit, sondern eine echte. Die Staus würden sich von heute auf morgen in Luft auflösen. Aber bis die Autofahrer das begreifen, muss man eben auch mal mit dem Brecheisen rein und genau das tut Potsdam auf der Zeppelinstraße gerade. Ausgezeichnet! 🙂

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Im letzten Herbst hatte ich ja schon einmal kurz davon berichtet, das man in Polen floureszierende Radwege testen nöchte. Diesen Tests möchte sich nun auch Osnabrück anschließen. Thomas Haarmann, stellvertretender Vorsitzender im FDP-Kreisverband Osnabrück, hat das ins Osnabrücker Mobilitätsforum eingebracht, Diese gemeinsame Initiative von Stadt und Stadtwerken hat sich einer neuen, nachhaltigen Verkehrspolitik verschrieben. Dazu gibt es einen 10-Punkte-Plan, in dem auch das Leuchtradwegeprojekt zu finden ist. Allerdings soll es nicht flächendeckend losgehen, es wird tatsächlich zunächst in kleinem Umfang getestet:

Der Rosenplatz scheint Haarmann für das Experiment mit den leuchtenden Radwegen vor allem deshalb gut geeignet, weil es dort nachts kaum möglich sei, die roten Fahrradspuren von den rosafarbenen Betonplatten zu unterscheiden, aus denen große Teile der Straße bestehen. „Für Autofahrer ist bereits in der Dämmerung nur noch schlecht auszumachen, wo ein Radweg verläuft. Es gibt keine saubere Grenze.“ Je dunkler es werde, desto riskanter sei es für Radler, den Platz zu befahren.

Optisch macht das dann sicher jede Menge her, allerdings wird hier eins vergessen: Gerade die schwere Erkennbarkeit in der Dämmerung ist eines der Probleme von Straßenmalerei. Macht man die Malereien nun leuchtend, bleiben es aber trotzdem noch Straßenmalereien. Da wäre es doch sinnvoll, anstelle leuchtender Farbe ganz einfach für eine bauliche Trennung zu sorgen. Aber halt, sinnvolle Maßnahmen machen ja keine Schlagzeile.

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Und zum Abschluss gibt es noch etwas, was ich schon lange nicht mehr hatte: Eine Infografik. Ja, ein tolles buntes Bildchen, allerdings in diesem Fall ein sehr interessantes Bildchen. In angelsächsischer Sprache zwar, aber durchaus auch für weniger sprachkundige verständlich. Die Infografik stellt 14 verschiedene Radwegarten einander gegenüber und bewertet sie nach Sicherheitslevel, Baukosten, Haltbarkeit und Aussehen.

Infografik Radwege – Quelle: peopleforbikes.org

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Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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