Ra(n)dnotizen #95

Unglaublich eigentlich, inzwischen kann man hier schon fast jede Woche von einem neuen Unglück berichten, ist wieder ein Radfahrer zu Tode gekommen. Diesmal eine ganz besonders fiese Geschichte: Porsche Cayenne parkt im absoluten Halteverbot auf dem Radweg, Radler muss nicht nur auf die Fahrbahn ausweichen, sondern wird dann auch noch von der sich öffnenden Fahrertür erwischt, kommt schwer zu Sturz und stirbt. Der Fahrer? Diplomat und somit nicht zur Rechenschaft zu ziehen. 🙁

Und das ist gleich in mehrfacher Hinsicht schlimm, denn nicht nur, das es hier wieder einen Toten gegeben hat, in der Berichterstattung wird das so genannte Dooring auch als verhältnismäßig seltener Unfall dargestellt. Genau das ist es aber nicht, denn leider werden nur die wenigsten dieser Fälle aktenkundig. Hierzu mal eine kurze Anekdote aus dem Nähkästchen.

Sohnemann radelt über eine Kreuzung direkt hinter einer Kreuzung wird eine Fahrertür aufgerissen und holt ihn vom Rad. Er ist jung, er meint ihm ist nichts passiert und man tauscht lediglich Telefonnummern aus. Im Verlauf des Abends steigen die Schmerzen und er muss sich in ärztliche Behandlung begeben. Also rate ich ihm, Anzeige zu erstatten. Und was soll ich sagen, die Berliner Polizei weigerte sich, die Anzeige aufzunehmen. Angeblich bestünde ja kaum Aussicht auf Erfolg. Dummerweise hat sich Sohnemann dann darauf eingelassen.

Und das wird sicher kein Einzelfall sein, oft wird sich eben kurz geschüttelt und weitergeradelt. Der Unfall selbst wird nicht aktenkundig, geht in keine Statistik ein und fertig.

Wie üblich kommen dann aber auch wieder allerlei schlaue Ratschläge um die Ecke. So titelt der Spiegel ganz großspurig „So können Dooring-Unfälle verhindert werden„, zeigt aber im Artikel dann lediglich eine Möglichkeit, wie Autofahrer solche Unfälle verhindern können. Und hält gleich sieben solcher Tipps dagegen, die vom Radler beachtet werden sollen. Kurzum, die Verantwortung wird mal wieder auf den Radfahrer abgewälzt. Gehts eigentlich noch?

Deutlich besser ist da ein Kommentar zum Dooring-Unfall auf taz.de. Dort wird nämlich das Offensichtliche klar ausgesprochen. Autofahrer empfinden Radfahrer eigentlich nur als störend, haben sie also nicht als andere (schützenswerte) Verkehrsteilnehmer auf dem Schirm, sondern nur als Übel am Straßenrand. Obwohl es sogar in ihrem eigenen Interesse wäre, solche Unfälle zu vermeiden.

Denn rational ist Türaufreißen ohne Blick auf die Straße genauso wenig zu erklären wie Rechts-vor-links-ignorieren: Gerade die Fahrer teurer Neuwagen müssten sich, wenn schon nicht um andere, so doch um Lackschäden sorgen, die schnell in die Tausende gehen. Und wer dürfte daran interessiert sein, wegen fahrlässiger Tötung angeklagt zu werden?

Ein weiterer Unfall aus den letzten Tagen zeigt gleich das nächste Problem auf. In Diskussionen rund um den Radverkehr hört man ja stets das gleiche „Argument“: Radfahrer fahren alle bei rot! Ich halte dann ja gern dagegen, das auch „alle Autofahrer“ Fehler machen, denn nur ein minimaler Teil hält sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen. Der Rest fährt zu schnell, rast also. „10 drüber“ sind in Deutschland leider sozial akzeptiert, weshalb das von den meisten nicht als Verstoß wahrgenommen wird.

Gleiches gilt für die Ampel, die gerade auf rot umspringt. Bringt man das zur Sprache, heißt es gleich, das es erst dann rot ist, wenn das rote Licht schon mehr als eine Sekunde leuchtet. Alles davor ist grün und da darf man fahren. Eine seltsame Logik eigentlich, ich kenne das mit den Farben anders, aber hey, wer weiß schon, was in manchen Köpfen vorgeht. Schlimm wird es da, wenn auch noch behauptet wird, das in der ersten Sekunde noch nichts passieren kann. Kann es nämlich doch.

Nach bisherigen Ermittlungen und Zeugenaussagen fuhr ein 36-jähriger Audi-Fahrer sehr schnell auf der Karl-Marx-Allee in Richtung Alexanderplatz. Als die Ampel kurz hinter der Berolinastraße auf Rot umsprang, soll er noch einmal Gas gegeben haben. Dabei erfasste er die elfjährige Fahrradfahrerin, die sich überschlug, stürzte und gegen eine andere Radfahrerin prallte, die ebenfalls stürzte.

Und während allenorten die Diskussionen entbrennen, das viele Autofahrer doch arg rücksichtslos unterwegs sind, kommt der Tagesspiegel mit einer Umfrage um die Ecke, die dann behauptet, das Radfahrer doch zu weiten Teilen rücksichtslose Rüpel wären. Klar, Umfrage mit ~1500 Befragten, repräsentativ und so, aber damit leider auch wieder mal Sprengstoff in Diskussionen.

Rund ein Drittel der Deutschen hält Radfahrer für rücksichtslos. 68 Prozent der Bürger attestieren ihnen aber Umweltbewusstsein, wie die Versicherung CosmosDirekt auf Grundlage einer Forsa-Umfrage am Donnerstag in Saarbrücken mitteilte. 62 Prozent der Befragten halten Radfahrer demnach für sportlich und 60 Prozent für gesundheitsbewusst.

Nett, das auch nach Umweltbewusstsein gefragt wurde, aber wie wir alle wissen, hören die meisten nach dem ersten Satz auf zu lesen, immerhin „wissen“ sie dann ja ganz genau was gehauen und gestochen ist. Was sich dann auch in den Kommentarspalten niederschlägt. Allerdings hat der Tagesspiegel, das muss man ihm mal ehrrettend zugestehen, auch den so ziemlich besten Artikel der letzten Woche herausgebracht. In einem Kommentar wird ganz offen das aufgezeigt, was viele schon seit Ewigkeiten predigen: Nicht nur das die Strafen für Raser in Deutschland zu gering sind, nein, auch jede Geschwindigkeitsübertretung ist Raserei. Raserei, die potenziell tödlich endet.

Wussten Sie, dass weltweit jährlich rund 1,25 Millionen Menschen im Straßenverkehr sterben? Dass es in Deutschland rund 3000 sind und die Zahlen nach jahrelangem Rückgang nun wieder angestiegen sind? Stellen Sie sich einmal vor, was für eine Panik herrschen würde, wenn jährlich 3000 Menschen in Deutschland Opfer von Terroristen würden. Was die Innenminister dann für einen Aufwand betreiben würden, um die Ursachen zu bekämpfen und die Bürger zu beschützen. Da würden dann mehr Überwachung, mehr Einschränkung der persönlichen Freiheit und die volle Härte des Gesetzes gefordert.

Ein weiterer Nebeneffekt der Unfälle aus der letzten Zeit ist, das uns ein alter Bekannter wieder verstärkt unterkommt. Die Helmpflichtdiskussion. Plötzlich meinen wieder etliche Leute, es wäre die Lösung aller Probleme, wenn man das Tragen eines Fahrradhelmes zur Pflicht erklären würde. Der RBB hat dazu ein Interview mit dem Betreiber des Blogs zukunft-mobilitaet.net, Martin Randelhoff geführt, der es direkt auf den Punkt bringt:

Es gibt sicherlich gute Gründe, einen Helm zu tragen. Man muss aber unterscheiden zwischen einer individuellen Entscheidung und der Entscheidung, die der Staat aus Fürsorgepflicht trifft. Dafür müsste der Nutzen einer Radhelmpflicht höher sein als die Kosten. Das wäre aber nicht so: Bei einer Radhelmpflicht würden weniger Leute Fahrrad fahren. Und wenn man dann die Gesundheitskosten aufrechnen würde gegen Vorteile einer Helmpflicht, steht man am Ende schlechter da.

Bestätigt wird diese Aussage auch durch eine Studie, die jüngst von den Bundesländern Baden-Württemberg und Thüringen in Auftrag gegeben wurde. Diese Studie wurde vorletzte Woche durch den Baden-Württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Studie basiert den Angaben zufolge auf mehr als 350 Quellen aus verschiedenen Ländern und Zeiträumen, darunter verschiedene Ansätze, die Zahl der Helmträger zu erhöhen. Ein Teil ist laut Ministerium auch eine Kosten-Nutzen-Analyse einer Helmpflicht. Die falle insgesamt zwar positiv aus, zeige aber auch ungewünschte Nebenwirkungen einer gesetzlich geregelten Helmpflicht – zum Beispiel einen Rückgang der Radfahrleistung. Sprich: Mancher Radfahrer würde der Untersuchung zufolge seltener oder gar nicht mehr auf sein Zweirad steigen, wenn er dabei einen Helm tragen müsste.

Den kompletten Text der Studie mit dem Titel „Sicherheitspotentiale durch Fahrradhelme – Einordnung der Bedeutung des Fahrradhelmes bei den Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit und Instrumente zur Erhöhung der Helmtragequote“ gibt es hier zum Download.

Ich finde diese Studie übrigens gang interessant, insbesondere in Hinblick darauf, das es zwar schon viele Studien zu diesem Thema gibt, die aber selten so umfangreich gemacht wurden. Insbesondere ging es dabei nicht darum, die Wirksamkeit von Fahrradhelmen zu beweisen, sondern eben deren Wirksamkeit oder Unwirksamkeit, sprich, es war eine ergebnisoffene Untersuchung, bei der mehr als 350 ähnliche Untersuchungen unterschiedlichster Ansätze einbezogen wurden.

Denn nicht selten kommt bei Helmdiskussionen jemand um die Ecke, der sich auf allerlei Studien beruft, die die totale Unwirksamkeit eines Fahrradhelmes beweisen will. Zumeist sind das aber genau solche Studien, die eben zu genau diesem Zwecke – dem Beweis der Unwirksamkeit – gemacht wurden. Gleiches gilt für viele Studien, die die Wirksamkeit „beweisen“. Und hier nun eine Gesamtbetrachtung aller verfügbaren Studien zu haben – mit zumindest für mich zu erwartendem Ergebnis – könnte die Gesamtdiskussion sicher durchaus ein wenig beruhigen und versachlichen.

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Derzeit geht ja ein Foto viral, auf dem man ein Fahrrad sieht, das auf einer Fahrbahn abgestellt wurde. „Nur kurz zum Bäcker“ steht hinten drangeschrieben und es soll Autofahrern zeigen, wie es Radfahrern tagtäglich geht, wenn plötzlich eine Blechdose auf dem Radweg steht. Abgestellt hatte es der Kölner Lokalpolitiker Thomas Greffe.

Entstanden ist Geffes Foto am Samstag in der Venloer Straße in Köln. Straßen wie diese gibt es in jeder größeren Stadt: Fahrbahn – Geschäfte, und dazwischen wenige freie Parkplätze – und der Radweg. Da kommt es häufiger vor, dass jemand auf dem Radweg hält, um schnell etwas beim Bäcker zu kaufen.

Das ganze postete er dann auf Twitter und schon machte es durch alle sozialen Netzwerke die Runde.

Und auch wenn diese Aktion ebenso wenig legal ist, wie das Parken auf Radverkehrsanlagen, hier also quasi unrecht mit Unrecht vergolten wird, toll finde ich die Aktion dennoch. Immerhin scheinen Autofahrer nicht anders lernen zu können (oder zu wollen). Und das animierte auf der Radkomm, dem Kölner Forum für Radverkehr, auch gleich andere zum nachmachen. Es entwickelte sich die Idee, solche Aktionen auch an anderen Stellen zu starten und dann unter dem Hashtag #sofortwiederda zu posten. Ein Video dazu gibt es dann nebenan, beim WDR.

Neben dieser Aktion und dem damit hoffentlich einhergehenden Lerneffekt bei den Autofahrern geht es in Köln offenbar auch so voran. Der Radverkehrsanteil steigt stetig und so hat sich die Stadt nun zum Ziel gesetzt, bis zum Ende der 2020er auf einen Radverkehrsanteil von mindestens 33% zu kommen. Allerdings müsste man dazu erst einmal die Infrastruktur schaffen, denn aktuell sieht es um die Kölner Radwege nicht sonderlich gut aus.

Die Stadt geht davon aus, dass sich lediglich ein Drittel der Radwege in einem Zustand befindet, der als „in Ordnung“ beschrieben wird. Ein Drittel müsste saniert werden und ein Drittel müsste vollständig neu geplant werden, weil die Qualität nicht mehr den heutigen Anforderungen entspricht. So sind viele Radwege zu schmal, um weitere Radfahrer aufnehmen zu können.

Nur gut, das es eben auch die Radkomm gibt, um der Politik ein wenig Druck zu machen und sie immer mal wieder an ihre großspurigen Vorhaben zu erinnern. Nicht das auch die aktuellen Ankündigungen wieder nur leere Worthülsen bleiben. Die Chancen stehen aber, zumindest aus dem fernen Berlin gesehen, recht gut. Immerhin war allerlei Politprominenz auf der letzten Radkomm vertreten und selbst die Oberbürgermeisterin stellte die aktuelle Gefährlichkeit des Radverkehrs klar.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat am Samstag gleich zu Beginn deutlich plusieurs Forums Radverkehr „RadKomm“ klar gemacht, wie sie das Risiko für Radfahren in Köln einschätzt. „Ich bin durch dem Auto gekommen. Mir ist das Radfahren in Köln zu gefährlich“, sagte Reker.

Derweil gibt es in Hamburg mal wieder ein ganz feines Possenspiel. Hatte Hamburg ja vor einiger Zeit angekündigt, die Velorouten durch die Stadt auszubauen, klemmt es damit jetzt schon wieder gewaltig. Und was da abgeht, könnte sich so auch hier in Berlin abspielen. Rot und grün auf der einen schwarz auf der anderen Seite und mitten drin eine Landesbehörde, die alles fein blockiert. Ähnlich wie es in Berlin die VLB gerne tut, haut in Hamburg die Innenbehörde dazwischen, um dem Streit zwischen CDU und Gewerbetreibenden mit der rot-grünen Regierungskoalition noch etwas mehr Feuer zu geben. Dabei geht es um die Walddörfer Straße in Wandsbeck, für die es eigentlich schon feste Pläne gab, an denen alle möglichen Parteien beteiligt waren.

Dafür entwickelten Wirtschaftsbehörde, Verkehrsplaner, Bezirkspolitik, Polizei, Hochbahn, ADAC und Radfahrerverband ADFC im Jahr 2015 gemeinsam ein erstes Konzept, das sich für eine Führung der Veloroute durch die Walddörferstraße aussprach. Die Idee war, die Straße mit Rad- und Schutzstreifen umzugestalten und einen Teilabschnitt zu einer Fahrradstraße zu machen (Tempo 30, Radfahrer dürfen nebeneinander fahren).

Also das Übliche. Endlich hat man eine tragfähige Idee und sobald es an die Umsetzung geht, kommt wieder jemand um die Ecke dem es nicht passt. Und anstatt hier zu sagen, das solcherlei Einwände früher kommen müssen und jetzt nicht mehr interessieren, wird plötzlich wieder von allen Seiten blockiert.

Ganz interessant sind bei diesem Artikel übrigens auch die Bilder, von denen es da jede Menge gibt. Da sieht man so manche Perle deutscher Radwegkultur, wie sie wohl jeder Radfahrer nur zu gut kennt. 😀

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Tweet der Woche: Straßenreinigung in Berlin

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Urlaubspause

Jetzt ist Urlaub. Das heißt, ich werde mich eher meinen Bikes und auch ein wenig dem Paddelboot widmen, die Ra(n)dnotizen haben in dieser Zeit Pause. Und so wird es die nächste Ausgabe voraussichtlich erst wieder am 23.07.2017 geben. 🙂

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Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe.

Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet.

Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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