Ra(n)dnotizen #96

Verspätung! Diese Woche kommen die Ra(n)dnotizen ein paar Tage zu spät. Ich habe die Veröffentlichung absichtlich aufgeschoben, da es am letzten Wochenende Probleme mit der Erneuerung der SSL-Zertifikate gegeben hat. Dadurch wurden hier natürlich haufenweise Sicherheitswarnungen aufgeworfen. Die waren zwar „falscher Alarm“, aber nerven tut es ja trotzdem. Gestern gab es dann zu allem Übel auch noch einen Serverausfall. Jetzt sollte aber alles behoben sein und der Betrieb hier im Blog geht weiter wie gehabt. 🙂

Der Urlaub ist vorbei und so ziemlich als erstes stoße ich danach auf einen Artikel zum Thema E-Bikes bzw. Pedelecs. Schon komisch, denn genau dieses Gefährt ist im Urlaub zu Hause geblieben und ich habe meine Runden ohne Unterstützung gedreht. Klar, das Pedelec ist ja auch mein Arbeitsfahrrad, um nach 12 oder 24 Stunden Dienst auch noch nach Hause zu kommen.

In besagtem Artikel wird festgestellt, dass „das E-Bike die Städte überrollt„. Auch wenn ich selbst das noch ein wenig anders sehe, denn von überrollen kann derzeit kaum die Rede sein, ist natürlich ein erkennbarer Anstieg zu verzeichnen. Quasi durch die kalte Küche etabliert sich hier nach und nach ein Verkehrsmittel, das durchaus das Zeug zum Autoersatz hat. Nur kommt das leider an den richtigen Stellen noch nicht ganz an.

Endlich einmal eine Umweltrevolution, die funktioniert. Erstaunlicherweise hält sich die Begeisterung der Politik sehr in Grenzen. Was man hört, sind Bedenken. Sind diese Räder mit ihrem „irren“ Tempo von 25 km /h nicht viel zu schnell, fragen Politiker, die Tempo 250 auf der Autobahn ganz in Ordnung finden.

Aber die Politik hat ohnehin größere Probleme mit dem Fahrradverkehr, nicht nur mit vermeintlich rasend schnellen Pedelecs. So ist es bspw. Teil der Koalitionsvereinbarung des Berliner Senats, dass auf Einbahnstraßen nach Möglichkeit stets für Radler beide Richtungen freigegeben werden sollen. Dies geht aber nunmal des Öfteren damit einher, dass Parkplätze entfallen. Soweit so gut, jedoch ist es dann ein Skandal, wenn es die Straße betrifft, in der der Regierende wohnt. Soweit geht die Verkehrswendeliebe dann doch wieder nicht.

Notfalls will der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Tagesordnung der Klausur umwerfen, um dem Thema ordentlich Gewicht zu geben. Es geht um Halteverbotsschilder am Tempelhofer Schulenburgring, die auf Anordnung der zuständigen Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Grüne) am Dienstag aufgestellt wurden. Dort wohnt auch Müller, der vom Parkverbot nicht selbst betroffen ist, weil vor seinem Haus aus Sicherheitsgründen Parkplätze freigehalten werden.

Sieht irgendwie nach Wahlkampf aus, zwar nicht für Berlin, aber zumindest für die anstehende Bundestagswahl. Darüber hinaus zeigt dieses Verhalten auch ganz deutlich, das die via Koalitionsvereinbarung angekündigte Verkehrswende doch nur ein reines Lippenbekenntnis war, Taten hingegen kaum folgen werden. Autodeutschland as its best. 🙁

Übrigens: Besagte Halteverbote bleiben. :p

Aber Parkplätze sind ohnehin ein heikles Thema, denn das sie wegfallen müssen, ist jedem klar, der sich auch nur halbwegs intensiv mit der Materie befasst und erkannt hat, das die Tage des MIV weitgehend gezählt sind. Aktuelle Statistiken zur Parkplatzsuche haben ja in den letzten Tagen dazu die Runde gemacht. Ganze 62 Stunden pro Jahr (einige Quellen reden von noch deutlich mehr, das sind dann aber entweder fragwürdige oder aggressiv wahlkämpferische Quellen) verbringt der durchschnittliche Berliner im Jahr mit der Parkplatzsuche.

Das ist schon eine ordentliche Nummer, nur die Schlüsse die daraus gezogen werden, könnten unterschiedlicher kaum sein. Der ADAC, wen wunderts, meint nun, das man am besten noch mehr Parkplätze schaffen sollte. Immerhin müssten seine Klienten ja sonst ein paar Meter vom nächsten Parkhaus aus nach Hause laufen. Andere hingegen sehen die Lösung ganz klar in der Reduzierung des MIV. Und letztere Variante muss nicht einmal sonderlich krass ausfallen:

Nach Angaben des Umweltbundesamtes würde schon eine geringe Reduzierung der Pkw helfen. Wären es nur 300 Pkw statt der 340 pro 1000 Einwohner, hätte die Stadt genug Platz für die vom Volksentscheid Fahrrad geforderten Radwege, hatte UBA-Expertin Katrin Dziekan kürzlich vorgerechnet.

Das wären also lediglich 4% weniger private PKW und die Probleme in Berlin wären – zumindest auf dem Papier – gelöst, man wäre dem Ziel Flächengerechtigkeit ein ganzes Stück näher. Aber keine Sorge, das werden ADAC und Politik schon wirksam zu verhindern wissen. Leider. Bei ze.tt hingegen hat man gleich 9 gute Gründe zusammengetragen, weshalb man Autos in deutschen Innenstädten verbieten sollte. Anlass dafür waren Überlegungen, in Stuttgart Autos weitgehend aus dem Innenstadtring zu verbannen.

Stell dir einfach vor, wie es wäre, wenn morgen alle Parkplätze Parkstreifen wären, in denen Bänke stehen. Wie würden unsere Städte aussehen, wenn jede Straße ein Fahrradweg wäre und an jeder Kreuzung Spielplätze gebaut würden. Ist das nicht eine wunderschöne Vorstellung?

Recht interessant ist auch die kleine Umfrage unter dem Artikel. Sicher dürfte dieser Artikel vornehmlich an diejenigen adressieren, die autofreie Innenstädte bereits befürworten, alle anderen lesen das zumeist nicht zu Ende, dennoch steht der Zähler derzeit bei 76% Befürwortern. Das ist doch mal eine deutliche Aussage.

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Ein jedes Jahr aufs neue aufpoppendes Sommerlochthema sind die bösen Rüpelradler. Und anstatt das Thema endlich mal richtig anzugehen und die Verkehrsmoral in Deutschland generell, also bei Autofahrern, Radlern und Fußgängern zu beleuchten, prügelt man einfach nur auf Radler ein. Dazu hatte ich letzten Donnerstag schon etwas bei Google Plus geschrieben, also ziehe ich das einfach mal hier mit rein:

Aber auch Artikel, wie demletzt im Hamburger Abendblatt, pflanzen nicht nur Vorurteile in die Köpfe der Leser, sie suggerieren unterschwellig, das Radler Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse wären:

Fahrradstraßen? Ja, aber… Alle Radler müssen lernen, Verkehrsregeln zu befolgen und sich unterzuordnen

Unterordnen? Ja gehts noch? Gleichberechtigte Teilnahme am Straßenverkehr hat nichts mit unterordnen zu tun. Und solche Forderungen im Untertitel – und hier hören die meisten Autofahrer leider zu lesen auf – suggerieren Nichtradlern, das sie gegenüber Radlern bevorrechtigt wären. Was das Ganze zur fatalen Wortwahl werden lässt.

Ähnlich wie ein Artikel im Weserkurier, der erklärt, das die Bremer Radler erzogen werden sollen. Und bringen dabei mal wieder die altbekannte Kennzeichendiskussion ins Spiel. Zum Glück mit ein wenig Skepsis.

Um wenig einsichtige Rowdys zur Verantwortung ziehen zu können, wird auch eine Kennzeichnungspflicht für Fahrräder diskutiert. Der Leiter der Verkehrsdirektion der Bremer Polizei, Jens Rezewski, äußert sich gegenüber dieser Zeitung dazu skeptisch. Womöglich entwickelten manche Radler dadurch Hemmungen, sich über Verkehrsregeln hinwegzusetzen, aber der Verwaltungs- und Ermittlungsaufwand sei unverhältnismäßig hoch.

Witziges Detail hier: Viele Autofahrer halten Radarfallen für Wegelagerei, für Abzocke. Obwohl dadurch nur ihr eigenes Fehlverhalten aufgezeigt wird. Und die gleichen Autofahrer, die die Kontrolle ihres Fehlverhaltens für ablehnenswert befinden, verlangen Kennzeichen für Radfahrer, damit Radfahrer bei Fehlverhalten zur Verantwortung gezogen werden können. Welch schizophrene Denke!

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Tweet der Woche: „Schutzstreifenersatz“

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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