Ra(n)dnotizen #98

Berlin hat ein Radgesetz. Okay, es heißt Mobilitätsgesetz und war in der Koalitionsvereinbarung des rot-rot-grünen Senats schon für das Frühjahr avisiert, aber immerhin. Jetzt steht der Referentenentwuf und mit etwas Glück wird es noch so rechtzeitig verabschiedet, das es zum 1. Januar 2018 in Kraft treten kann. Was schon wichtig wäre, denn so ambitioniert das ursprünglich für den Volksentscheid auf den Weg gebrachte Gesetz war, so schwammig erscheint mir das nun vorgelegte.

Klar, auch darin finden sich teilweise klar definierte Ziele, insbesondere 100km Radschnellwege und 50.000 Fahrradabstellplätze sind erwähnt, aber vornehmlich liest man darin von Plänen. Pläne, Planfestellungen, Fortschreibungen von Vorhaben. Alles immer wieder unter Aufsicht der zuständigen Behörde. Die übrigens, gerade im Fall des ÖPNV, besonders klar geregelt ist:

(1) […] Zuständig ist die […] zuständige Senatsverwaltung.
(2) Die nach Absatz 1 zuständige Senatsverwaltung ist zuständige Behörde im
Sinne der Verordnung […]

Wissta Bescheid! 😉

Aber gut, wollen wir nicht zuviel meckern, insgesamt wird an vielen Stellen im Gesetz ganz klar festgehalten, wem hier in der Stadt künftig Vorrang einzuräumen ist. Bleibt halt nur zu hoffen, dass die Verkehrslenkung Berlin, die ja letztlich jedes (Bau-)Vorhaben absegnen muss, auch darüber informiert wird. Bis dato traf sie ja sämtliche Entscheidungen immer pro Automobilverkehr. Da wird sie jetzt schwer umdenken müssen.

Schön finde ich, das jeder Bezirk künftig zwei hauptamtliche Stellen für den Radverkehr vorhalten muss. Sofern es da nicht zu den für Berliner Behörden typischen Krankenständen kommt, könnte da tatsächlich – gerade auch in Verbindung mit den bezirklichen FahrRäten – jede Menge gerissen werden. Ebenfalls gut die klare Erwähnung der Fahrradstaffel der Polizei und vor allem auch deren Aufgabenbeschreibung.

Aufgaben der Fahrradstaffeln des Polizeipräsidenten in Berlin sind insbesondere
1. den Dialog mit allen Verkehrsteilnehmenden über die Verkehrssicherheit der nicht motorisierten Verkehrsteilnehmenden zu intensivieren,
2. Hauptunfallursachen und Regelverstößen nachzugehen und zu verfolgen, die die Sicherheit der nicht motorisierten Verkehrsteilnehmenden gefährden.

Bisher hat sich die Fahrradstaffel ja immer ganz gern um Fahrradfahrer selbst gekümmert, Radwegparker und dergleichen wurden dann gern mal ignoriert. Ein weiterer, die Polizei betreffender, Punkt ist das Thema Fortbildung. Mit einem gewissen Grinsen nahm ich folgenden Absatz zur Kenntnis:

Die Themen Radverkehrsförderung und Gleichstellung von Radfahrenden sind Teil von Fortbildungsprogrammen, die ausdrücklich auch für Beschäftigte mit Vorgesetzten- und Leitungsfunktionen im allgemeinen Polizei- und Ordnungsdienst sowie in sonstigen Verwaltungen vorzusehen sind.

Was durchaus sinnvoll ist, zeigte doch erst neulich ein Artikel in den Westfälischen Nachrichten, dass auch Polizisten nicht immer wirklich rechtssicher sind. So hatte man sich dort den Pressesprecher der Polizei im Kreis Coesfeld geschnappt und zu den Rechten von Rennradlern ausgequetscht. Neben allerlei Wahrheiten kam er dann aber eben auch damit um die Ecke, das Anstecklampen unbedingt mitgeführt werden müssen.

Falsch ist übrigens die Vermutung dort, Räder benötigten am Tag kein Licht. „Es dürfen Ansteckleuchten sein, die der Radfahrer mitführen muss. Sie daheim zu haben, reicht nicht“, sagt Werenbeck-Ueding.

Ja nun, vor ein paar Wochen hätte er damit noch Recht gehabt, inzwischen ist die Mitführpflicht nicht mehr Bestandteil der StVO. Da wäre eine zeitnahe Fortbildung ganz sicher eine gute Idee gewesen.

Ach und noch kurz zum Berliner Radgesetz: Das es absolut popcornverdächtigen Spaß in den Kommentarspalten der Tageszeiten und drüben beim Facebookstammtisch gibt, muss ich ja sicher kaum mehr erwähnen. Da werden wir wol noch einige Tage lang jede Menge Freude und Kurzweil finden. 😉

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Weiter geht es mit alten Bekannten: Pedelecs. Irgendwie sind diese Dinger ja derzeit fast so häufig in den Medien vertreten wie frisierte Dieselmotoren. Und meistens heißt es dann, letzte Woche erwähnte ich es ja schon einmal, das Pedelec fahren so unheimlich gefährlich sein.

Auch die Hessenschau macht da keine Ausnahme und so wurde dann kürzlich dieses Video veröffentlicht, in dem gleich zu Beginn eine Pedelec-Geschädigte zu Wort kommt. Nach eigenem Bekunden hat sie nicht aufgepasst und kam dann auf dem Bürgersteig zu Fall. Aus diesem, ganz offensichtlich selbst verschuldeten Unfall wird nun ein Problem konstruiert. Das Pedelec sei eigentlich schuld, wiegt es doch immerhin 7 bis 8 Kilo mehr als ein herkömmliches Fahrrad.

Natürlich werden auch wieder alle möglichen Statistiken herangezogen, die eine besondere Gefährlichkeit des Pedelec unterstreichen. Insgesamt also exakt der Tenor, der sich auch aus anderen Berichten herauslesen/-hören lässt. Das Pedelec ist böse, Fahrräder ja eigentlich sowieso, Pedelecs aber besonders und es sind weder normale Unfälle aus Unachtsamkeit und erst recht nicht Autos die die Menschen vom Pedelec ins Krankenhaus bringen, es sind die bösen Pedelecs.

Übrigens findet man bei Facebook auch einen sehr guten Kommentar zu diesem Video, den ich ganz dringend be^h^hempfehlen möchte.

Bei der Mainpost findet sich derweil ein Artikel über Joachim Bischof aus Schonungen. Er pendelt täglich nach Schweinfurt und hat dafür genau das Richtige getan. Er hat sich ein S-Pedelec zugelegt. Damit ist er fast genauso schnell wie mit dem Auto, steht aber nicht sinnlos im Stau und tut eben noch etwas für Gesundheit und Umwelt. Und ganz ohne vermehrte Unfälle kämpft er mit einem Problem, das tatsächlich existiert: Unkenntnis von Autofahrern.

Bischof fährt auf der Straße, nicht weil er will, sondern weil er es muss. Und innerorts hat der Gesetzgeber den Hybridantrieb (Mensch/E-Motor) bis 45 km/h sowieso ganz generell von den Radwegen verbannt. Viele Autofahrer wissen dies nicht und für viele von diesen vielen ist der Typ auf dem Zweirad vor dem Auto einer, der auf der Straße nichts zu suchen hat und auf den Radweg gehört.

Okay, für viele Autofahrer, da erzähle ich ja nichts neues, haben Radler generell nichts auf der Straße zu suchen und die unterscheiden dann auch nicht zwischen Fahrrad, Pedelec oder S-Pedelec. Aber der Unterschied dürfte dann auch kaum bekannt sein. Nur das man eben mit Fahrrad und Pedelec ausweichen kann und darf, mit dem S-Pedelec hingegen nicht. Und nur das ist eine echte Gefahr, nicht die Elektrounterstützung selbst.

Das ein Pedelec resp. S-Pedelec das optimale Pendlergefährt ist, hat nicht zuletzt auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer bewiesen, als er mit dem S-Pedelec ein „Rennen“ gegen ein Auto gewann.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat mit seinem Elektro-Fahrrad ein Wettrennen gegen ein Auto gewonnen. Er fuhr am Dienstag mit einem S-Pedelec nach eigener Messung in 22 Minuten vom Tübinger Bahnhof zwölf Kilometer weit in die Gemeinde Ammerbuch.

Das Auto kam erst nach gut 25 Minuten an, wie ein Sprecher der Tübinger Stadtwerke bestätigte. „Es ging aus wie erwartet„, sagte Palmer.

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Okay, heute wird es kürzer. 😉

Aktuell habe ich wenig Zeit, also gibt es hier auch weniger epische Breite und zum Abschluss nur noch fix ein Video. Unter dem Titel „Nijmegen: The City That Tamed Cars So People Can Walk & Bike Where They Please“, zu gut deutsch etwa „Nijmegen: Die Stadt, die Autos zähmte damit Menschen Radfahren und gehen können wo sie wollen“, wurde bei der Veolcity Konferenz 2017 ein Video gezeigt, das die aktuelle Lage in Nijmegen darstellt. Da kann man glatt neidisch werden.

Tweet der Woche: Klar definiertes Radwegende

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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