Ra(n)dnotizen #99

Man konnte es ja eigentlich ahnen, aber das neue Berliner Mobilitätsgesetz schlägt hohe Wellen und sorgt für manch verbale Entgleisung in den Kommentarspalten der Tageszeitungen und besonders in den sozialen Netzwerken, allen voran der Facebookstammtisch mit seinen tausenden Fachleuten und Experten. Nun gibt es ja leider nicht sehr viel, worüber sich Autofahrer aufregen könnten, aber um das zu erkennen, muss man das Gesetz auch mal lesen.

Das tun die wenigsten und offenbar tun dies auch die Journalisten nicht, die darüber berichten, denn überall heißt es, das Gesetz würde Autofahrer über Gebühr benachteiligen, sie in Zukunft zu Randgestalten degradieren. Hey, gehts noch?

Tatsächlich ist es ja so, dass die Autofahrer nach Gesetzestext tatsächlich nur in einem Fall das Nachsehen haben: Kommt es bei zu treffenden Entscheidungen dazu, das zwischen Interessen der Autofahrer oder Interessen der Radfahrenden zu entscheiden ist, ist der Zuschlag eben dem Radverkehr zu geben.

Hier etwas verwerfliches zu erkennen, ist schon recht schwer und mal ehrlich, in den letzten 60 Jahren wurde in solchen Fällen stets zu Gunsten der Autofahrer entschieden. Und wird es noch heute, denn die zuständige Behörde, die Verkehrslenkung Berlin, ist bis unters Dach auf den Autofahrer eingestellt und orientiert all ihre Entscheidungen stets am schnellen Vorankommen des motorisierten Individualverkehrs.

Ich selbst habe da auch schon Erfahrungen machen dürfen. So ist hier am westlichen Stadtrand die Heerstraße und daneben sind beidseitig handtuchbreite, mit Wurzeln durchsetzte Wege, die als gemeinsame Rad- und Gehwege gekennzeichnet und damit für Radler benutzungspflichtig sind. Diese Benutzungspflicht wollte ich nun aufheben lassen. Klar, das hier ein ablehnender Bescheid kam, krass war aber die Begründung, in der es unter anderem heißt:

Die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt 50 km/h; jedoch wird durch den Charakter der Straße diese von vielen Fahrzeugführern mit höheren Geschwindigkeiten befahren. Die durchschnittliche Überschreitungsrate liegt nach Auskunft der Polizei bei bis zu 13,49%. Im Vergleich hierzu lag die stadtweite durchschnittliche Überschreitungsrate 2014 bei 3,93%.

Kurzum: Weil Autofahrer rasen kann die Fahrbahn leider nicht für alle Verkehrsteilnehmer freigegeben werden. Und angesichts dieser Zahlen muss man noch folgendes beachten: Einerseits sind die Stellen, an denen auf der Heerstraße geblitzt wird, durchaus bekannt. Weiterhin macht der Verkehrsfunk ja umfassend Blitzerreklame und von jeder „Welle“ werden ohnehin immer nur die ersten erwischt. Und trotzdem bekommen noch 13,49% ein Foto. An anderer Stelle wird im Bescheid übrigens noch erwähnt, das die Polizei der Lage einfach nicht Herr wird, hier quasi machtlos zusehen muss.

Wie man sieht, hier wird eben direkt pro Autoverkehr entschieden. Künftig würde es an dieser Stelle bedeuten: Hey, ihr Autofahrer haltet euch nicht an die Regeln, jetzt wird eben begrenzt. 30 km/h anordnen, baulich dafür sorgen das die Geschwindigkeit eingehalten wird, stationäre Blitzer aufstellen, eben alles was nötig ist, das auch Omma Plottke mit ihrem uralten Einkaufskörbchenrad die Heerstraße sicher befahren kann. Und mal ehrlich, diese Einschränkung für Autofahrer ist dann hausgemacht – selbst schuld eben – und stellt noch lange keine Bevormundung dar.

Erwähnt man übrigens diese fast schon obligatorischen Geschwindigkeitsverstöße in Diskussionen, in denen Radfahrer stets als notorische Rotlichtsünder dargestellt werden, wird abgewunken. Man bilde sich nur etwas ein. Nun ja, ich hab es schwarz auf weiß, ähh, behördengrau.

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Nun, kommen wir zur für die Radnotizen üblichen Presseschau. 😉

Im britischen Bristol ereignete sich eine ganz witzige Episode. Jenni Morton-Humphrey war mit ihrem Radel unterwegs und hat es in der Innenstadt angeschlossen. Einige Stunden später kam sie zurück und der Schreck war groß, das Rad war geklaut. Ein Aufruf über Twitter sorgte dafür, das jemand das Rad auf einer Facebook-Verkaufsseite erkannte und nun wollte sie es zurück. Der Verkäufer wurde kontaktiert und ein Treffen vereinbart. Aber allein wollte sie es zunächst nicht angehen.

Morton-Humphrey bat die Polizei um Mithilfe. Doch diese lehnte ab und riet der jungen Frau, sich nicht in eine gefährliche Situation zu begeben. Doch die Liebe zu ihrem Fahrrad war stärker als die Angst vor dem Kriminellen. Gemeinsam mit einem Freund machte sie sich am nächsten Tag auf den Weg zum verabredeten Ort.

Krass, oder? Da ist ein Dieb bekannt, kann einfach gestellt werden und die Polizei verweigert die Hilfe? 😯

Nun, ihre Liebe zum Fahrrad war größer als die Angst und so ging sie zum Treffen. Sie drückte dem Dieb ein Päckchen Zigaretten und ein Schlüsselbund in die Hand, um das Rad mit vermeintlich zu hoch eingestelltem Sattel Probe zu fahren. der dachte sich nichts dabei und sie gab Gas. Zack, Fahrrad zurückgeklaut. Neben den Zigaretten blieben die Dieb dann wohl die Schlüssel, die zum Vortags von ihm geknackten Schloss gehörten. 😉

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Kurz zurück zum geplanten Mobilitätsgesetz für Berlin. Auch – und das war zu erwarten – der ADAC hat sich zum Gesetz geäußert. Er sieht natürlich – auch das war zu erwarten – alles kritisch und will nun die einzelnen Paragrafen genauer unter die Lupe nehmen. Zu einem Punkt hat man sich aber schon geäußert:

Eine davon ist der Paragraf 44 des Entwurfs – eine zentrale Regelung. Denn er sieht vor, dass auf oder an allen Hauptverkehrsstraßen in Berlin Radverkehrsanlagen einzurichten sind. Sie sollen einen erschütterungsarmen, gut befahrbaren Belag haben und in sicherem Abstand zu parkenden Kraftfahrzeugen und mit ausreichender Breite markiert werden – so breit, dass sich Radfahrer sicher überholen können. […] „Hier wird es sicher Relativierungen geben müssen, in welcher konkreten Form im Einzelfall getrennte Radinfrastruktur zu schaffen ist“, so Becker. Längst nicht überall gebe es genug Platz. „Wir können nur davor warnen, übereilt und unausgereift Hauptverkehrsstraßen in ihrer Leistungsfähigkeit einzuschränken.“

„Übereilt“, „unausgereift“, an anderer Stelle ist von „ideologischem Anstrich“ die Rede. Und das, nachdem 60 Jahre lang ausschließlich für den Kfz-Verkehr agiert wurde.

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Na los, einen habe ich noch. Die Helmholtz-Gesellschaft hat ein ziemlich interessantes Interview zum Thema Diesel veröffentlicht. Darin wird relativ sachlich erklärt, wie und wo bei Dieselfahrzeugen getrickst wurde, warum, und was derzeit getan wird, um Grenzwerte einzuhalten. Soweit noch ganz entspannt. Aber dann wird es interessant. Denn ganz am Ende des Interviews folgt ein Vergleich von Diesel-PKW mit Fahrrädern:

Achtung, wir reden nur von den Stickoxiden! Feinstaub ist ein ganz anderes Thema. Beim modernen Diesel gibt es kein Feinstaubproblem mehr. Das Thema ist durch. Ein Fahrrad hat typischerweise einen Felgenverschleiß von 0,1 Millimeter auf 1000 Kilometer: Beim Bremsen entweichen Metalloxide in die Umgebung. Das sind auf einen Kilometer umgerechnet drei bis vier Milligramm. Der Partikelausstoß aus dem Auspuff eines Diesels liegt bei 0,2 bis 0,5 Milligramm. Auch wenn die öffentliche Wahrnehmung eine andere ist: Wir haben bei vielen Betriebszuständen eine niedrigere Partikelkonzentration im Abgas als in der Umgebungsluft einer Stadt.

Und das war es dann. Keinerlei Hinweis darauf, das ja auch die Bremsen des PKW Feinstaub absondern, auf Grund ihrer Größe sogar noch ungleich mehr. Unfassbar eigentlich, wie hier versucht wird, den Diesel schön zu reden.

Ich gebe ja zu, auch ich halte, hier in der Großstadt, einen Euro-4-Diesel mit 1,8 Tonnen Leergewicht für einen 2-Personen-Haushalt. Aber dennoch hätte ich Verständnis für innenstädtische Fahrverbote, denn die Dinger machen nunmal jede Menge Dreck, Wer etwas anderes behauptet und dabei sogar meint, ein Fahrrad würde mehr Schmutz machen, dem ist wohl kaum mehr zu helfen… 😯

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Tweet der Woche: Rechtsabbieger

Allerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein einmal wöchentlich erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.

Schrottie

Ich blogge hier seit Anfang 2005 über wechselnde Themen. Zumeist handelt es sich dabei um Linux, Android, Geocaching oder Fotografie, aber zunehmend auch rund ums Fahrradfahren (mit MTB und Rennrad), das ich nach einigen Jahren Pause wieder für mich entdeckt habe. Dabei ist die Themenwahl insgesamt recht selektiv, also ich schreibe immer nur dann, wenn mich etwas wirklich interessiert und/oder bewegt und so kommt es dann auch, das man hier zuweilen auch private Dinge findet. Wer mir für die Arbeit ein kleines Dankeschön zukommen lassen möchte, der kann dies gern über meinen Amazon Wunschzettel tun. :-)

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